Experten diskutieren Cloud-Migration: Bremsklötze und Fallstricke auf dem Weg in die Cloud

Fest steht: Kein Unternehmen kommt auf lange Sicht um die Digitalisierung seiner Prozesse herum.

Foto: Bukhta Yurii – shutterstock.com

Wer einen hohen Digitalisierungsgrad hat, ist widerstandsfähiger gegen Krisen, reagiert agiler und flexibler auf sich ändernde Anforderungen des Marktes beziehungsweise der Kunden und kann datengetriebene Geschäftsmodelle zügig realisieren.

Ein wichtiger Baustein der digitalen Transformation ist der Einsatz und die Nutzung moderner Cloud-Technologien, ob in Form von Software as a Service (SaaS), Infrastructure as a Service (IaaS) oder Platform as a Service (PaaS).

Vielerorts gehen Unternehmen, allen voran mittelständische, jedoch noch mit angezogener Handbremse in die Cloud. Verantwortlich dafür ist in den meisten Fällen nicht eine mangelnde Awareness in Bezug auf die Cloud-Migration, sondern in erster Linie das Fehlen qualifizierter IT-Fachkräfte und zu wenig internes IT-Know-how. Darüber herrschte weitgehend Einigkeit bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des virtuellen Computerwoche-Roundtable zum Thema “Cloud-Migration”.

Weitere Bremsklötze für eine Migration in die Cloud sahen die Diskussionsteilnehmer auch in Themen wie Datenschutz und Datenklassifizierung und in regulatorischen Anforderungen, etwa in der Finanzbranche, dem öffentlichen Sektor und bei KRITIS-Betreibern. Unternehmen aus diesen Bereichen sind gesetzlich verpflichtet ihre kritischen Daten DSGVO-konform zu verarbeiten, zu speichern und auch die Datensouveränität sicherzustellen.

Die Nutzung von Cloud-Plattformen und -Angeboten US-amerikanischer oder chinesischer Hyperscaler scheidet für diese Firmen somit aus. Als Alternative brachten einige Teilnehmer eine Migration in die Gaia-X Cloud als offene, digitale Infrastruktur ins Spiel, die in Bezug auf die Datenverarbeitung und -speicherung europäische Standards erfüllt – Stichwort Sovereign Cloud. Allerdings ist Gaia-X noch zu wenig ausgereift.

Vielen Unternehmen haben auch Bedenken, ihre kritischen Daten und damit ihre “Kronjuwelen” in der Cloud eines großen Hyperscalers zu speichern und zu verwalten. Das und die Tatsache, dass Unternehmen aufgrund der gegenwärtig volatilen wirtschaftlichen Situation durch den Krieg in der Ukraine zögern, in die Cloud zu gehen, trägt ebenfalls maßgeblich dazu bei, dass die Cloud-Migration eher langsam vorankommt. Viele Firmen drücken erst einmal die Pause-Taste und stellen Investitionen zurück. Es gebe es aber keine Belege dafür, dass Cloud-Migrations-Projekte gegenwärtig in großer Zahl gestoppt werden.

  1. Henrik Hausen, all4cloud Group
    „Unternehmen, die ein Cloud-Migrations-Projekt durchführen, erwarten davon einen klaren Mehrwert für das Business. Speziell bei ERP- und CRM-Systemen bietet der Umzug in die Public Cloud oder die Installation einer SaaS-Cloud-Lösung den Vorteil, Eigenentwicklungen zu minimieren und den Grad der Prozessstandardisierung deutlich zu erhöhen.”
  2. Christian Weck, CGI Deutschland
    „Wir sehen, dass Unternehmen aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Situation bei der Cloud-Migration jetzt öfters die Pause-Taste drücken und geplante Investitionen hinauszögern. Das erschwert die angestrebte agile Unternehmenssteuerung – und sollte allen bewusst sein. Außerdem haben einige deutsche Unternehmen noch immer Vorbehalte gegenüber der Public Cloud.”
  3. Wolfgang Schuster, Flexera Software
    „Hybride IT-Systemlandschaften werden in Zukunft die Regel sein. Nach unserer Erfahrung fließt gegenwärtig jeweils ein Drittel der IT-Ausgaben in On-Premises-Systeme, in SaaS-Lösungen und in Cloud-Computing. Allerdings werden die Investitionen in Cloud-Projekte in Zukunft weiter ansteigen.”
  4. Peter Bauer, matrix technology
    „Es ist davon auszugehen, dass Unternehmen in Zukunft verstärkt in die Public-Cloud gehen. Die meisten brauchen auf diesem Weg externe Unterstützung. Da hybride IT-Architekturen Standard sind, verlangen sie von ihrem Dienstleister, dass er sich sowohl in der Public Cloud als auch mit On-Premises bzw. Private Cloud Strukturen auskennt.”
  5. Thomas Huber, Nutanix
    „Mittelständische Firmen haben in der Regel kein ausreichendes internes IT-Know-how, um Cloud-Migrations-Projekte effizient umzusetzen. Darüber hinaus muss sich jedes Unternehmen mit der Frage auseinandersetzen, ob ein Public-Cloud- oder ein On-Premises-Betriebsmodell oder eine Kombination aus beidem seine Anforderungen am besten erfüllt.”
  6. Alexander Wallner, PlusServer
    „Die Innovationskraft eines Unternehmens ist nicht in erster Linie von der Cloud abhängig. Wer in eine Public Cloud geht, muss aber genau wissen, welche Daten in der Cloud gespeichert werden und welche nicht aus der Hand gegeben werden sollen. Vor allem im Mittelstand fehlt dafür das nötige IT-Personal und IT-Know-how.”
  7. Heike Marquordt, Unit4
    „Ein wichtiger Erfolgsfaktor bei Cloud-Migrations-Projekten ist, dass die Belegschaft in die Cloud Journey frühzeitig miteinbezogen und mitgenommen wird. Genauso wichtig für den Erfolg ist ein aktives Changemanagement, das die Sorgen und Ängste der Beschäftigten vor Veränderungen abbaut und Vertrauen schafft.”

Allerdings würden die Sales-Zyklen für entsprechende Vorhaben inzwischen deutlich länger dauern als früher. Das verwundert nicht, da eine Cloud-Migration in der Regel kein Nice-to-have-Projekt ist, sondern Unternehmen daraus einen klaren Nutzen und Mehrwert für das eigene Geschäft ziehen wollen. Für den Anfang genüge es, “Quick Wins” zu identifizieren und zu realisieren. Das kann zum Beispiel die Reduzierung IT-Kosten um einen bestimmten Prozentsatz oder eine Entlastung der internen IT von bestimmten Routineaufgaben sein, damit ihr mehr Zeit für Kernaufgaben bleibt.

Unterschiedliche Auffassungen gab es in Bezug auf Legacy-Applikationen im On-Premises-Betrieb. Ein Teil betonte, dass Legacy-Systeme die digitale Transformation hemmen. Andere sagten, die Innovationskraft eines Unternehmens hänge nicht von einer Migration des IT-Betriebsmodells in die Cloud ab. Vielmehr werde umgekehrt ein Schuh daraus: Die Innovationen kämen direkt aus dem Geschäftsmodell heraus, das durch IT-Lösungen bestmöglich unterstützt werden muss, egal ob durch Legacy- oder SaaS-Cloud-Systeme. Zudem gab es massive Zweifel daran, ob Mittelständler eine “Cloudifizierung” ihrer Legacy-Applikationen wegen des fehlenden internen IT-Know-hows überhaupt erfolgreich in Eigenregie durchführen können.

Studie “Cloud-Migration 2023”: Sie können sich noch beteiligen!
Zum Thema Cloud-Migration führt die COMPUTERWOCHE derzeit eine Multi-Client-Studie unter IT-Entscheidern durch. Haben Sie Fragen zu dieser Studie oder wollen Sie Partner werden, helfen Ihnen Regina Hermann ([email protected], Telefon: 089 36086 161) und Manuela Rädler ([email protected], Telefon: 089 36086 271) gerne weiter. Informationen zur Studie finden Sie auch hier zum Download (PDF).

Großen Nutzen bietet eine Cloud-Migration dagegen bei ERP- und CRM-Systemen, die vielerorts über die Jahre durch Eigenentwicklungen, individuelle Reports oder Modifikationen individuell angepasst wurden und sehr komplex sind. Das ERP und das CRM werden häufig durch Hunderte oder gar Tausende eigenentwickelter Funktionen und Tabellen, von denen meist nur ein Bruchteil genutzt wird, unnötig belastet.

Ein Umzug der ERP- und CRM-Lösungen in eine Public Cloud oder die Einführung eines SaaS-Cloud-ERP/-CRM, das die On-Premises-Lösungen ersetzt, ermögliche es, individuelle Erweiterungen auf ein Minimum zu reduzieren und die Prozesse weitgehend standardisieren. Unternehmen verfügen dann zwar nicht über eine 100-Prozent-Lösung, sondern “nur” über eine 90-Prozent-Lösung, die dafür aber recht schlank ist.

Wer eine SaaS-Cloud-ERP- oder -CRM-Lösung einführt, profitiert davon, dass der Anbieter sie kontinuierlich weiterentwickelt und sie so stets auf dem aktuellen Stand der Technik ist. Neue Funktionen und Upgrades werden zudem in kurzen Zyklen bereitgestellt, in der Regel alle drei Monate, sodass Unternehmen frühzeitig von Verbesserungen und Innovationen profitieren und sie sofort produktiv nutzen können. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass nicht alle SaaS-Lösungen die regulatorischen Anforderungen bestimmter Branchen wie der Finanzwirtschaft adäquat abdecken.

Die Public-Cloud-Angebote eignen sich außerdem ganz hervorragend, um zu testen, welche Cloud-Services konkreten Nutzen für das eigene Business bieten. Im Unterschied zum On-Premises-Betrieb lassen sich IoT-, KI- und ML-Szenarien, Proof-of-Concept-Anwendungen (PoC) oder Mock-ups in einer Public Cloud mit wenig Aufwand und zu überschaubaren Kosten umsetzen. Auch deshalb nutzen vor allem Start-ups Public-Cloud-Angebote sehr gern, denn sie können damit viel experimentieren, ohne selbst eine IT-Infrastruktur aufbauen zu müssen.

Einig waren sich die Teilnehmer darin, dass hybride IT-Architekturen aus Cloud- und Legacy-Anwendungen auch in Zukunft dominieren werden. Der Grund: Unternehmen wollen spezielle Applikationen, die wettbewerbsdifferenzierende Prozesse abbilden, in den meisten Fällen weiterhin on-Premises betreiben statt sie in die Cloud zu migrieren, ob per Lift-and-Shift oder in Form eines Full Rebuild.

Durchaus kritisch wurde diskutiert, ob sich der IT-Betrieb in einer Public Cloud generell einfacher und effizienter gestaltet als On-Premises. Das Ergebnis: Auch in der Wolke kann das Chaos regieren, sofern die Struktur der Ziellandschaft nicht passgenau definiert ist. Zudem sei nicht in erster Linie das Betriebsmodell entscheidend, (Public-)Cloud oder on-Premises, sondern ein möglichst effizienter und kostengünstiger IT-Betrieb. Um die Voraussetzung für eine Cloud-Migration zu schaffen, müssten IT-Architekturen zudem erst einmal Cloud-ready gemacht werden, woran es in vielen Fällen hapert.

Einigkeit herrschte bei den Roundtable-Teilnehmern am Ende des Tages darüber, dass eine Cloud-Migration nicht nur ein IT-Projekt, sondern ein Business-Projekt ist. In der Regel zieht die Transformation in eine (Public-)Cloud auch Struktur- und Organisationsveränderungen nach sich, die zu bewältigen eine Herausforderung darstellt. Umso wichtiger ist es, die Belegschaft von Beginn an ins Boot zu holen und an neue Gegebenheiten wie Änderungen in den Prozessabläufen heranzuführen.

Zu den sensiblen Aufgaben gehört es, die Sorgen der Beschäftigten vor Kontrollverlust – Stichwort Aufbrechen von Silodenken und Herrschaftswissen – von Beginn an durch ein aktives und kluges Change Management abzubauen und Vertrauen zu schaffen. Dann steht dem Erfolg einer Cloud-Migration nichts mehr im Weg, vorausgesetzt sie wird nicht wie ein Jugend-forscht-Projekt durchgeführt, sondern ist gut vorbereitet und das Vorgehen klar strukturiert.

Informationen zu den Partner-Paketen der Studie Cloud-Migration 2023′

  1. Olf Jännsch, BMC Software
    „Die Komplexität einer Cloud Migration hängt oftmals von der Komplexität der vorhandenen IT-Infrastruktur ab. Bei der Planung einer Cloud Migration bringt daher eine Bestandsaufnahme der aktuellen Infrastruktur inklusive der Abhängigkeiten zwischen den Systemen und eine Analyse der aktuellen Nutzung die nötige Transparenz“
  2. Stefan Helmerich, Fusion Global Business Solutions
    “Hohe Zufriedenheit und schneller Nutzen bei Cloud-Projekten Eine Migration von IT-Systemen und Applikationen in die Cloud ist aber nicht gleichbedeutend mit einer digitale Transformation, sondern unterstützt sie allenfalls. Das Potenzial, das die digitale Transformation bietet, lässt sich erst dann voll ausschöpfen, wenn sämtliche Prozesse digitalisiert und Services von End-Usern flexibel und performant genutzt werden sowie die Automatisierung eine entscheidende Rolle spielt.“
  3. Heinz Wietfeld, Hyland Software
    „Die hohe Zufriedenheit und der schnelle Nutzen bei Cloud-Projekten spiegelt auch unsere Erfahrung wider. Mussten wir mit den Kunden früher vor allem die Sicherheitsaspekte von Cloud-Lösungen besprechen, sind sie inzwischen nicht nur von Sicherheitskonzepten und -architekturen überzeugt, sondern erzielen durch den Einsatz von Cloudlösungen auch wirtschaftliche Vorteile.“
  4. Falk Genähr, Lufthansa Industry Solutions
    “Eine Cloud Migration muss stets bedarfsabhängig erfolgen, da für jede Applikation andere Rahmenbedingungen gelten. Erst durch diese Diversifizierung wird ein schneller Nutzen und hohe Kundenzufriedenheit erzielt.“
  5. Thomas Gutke, matrix technology
    „Die richtigen Antworten auf die Chancen, die die Vernetzung und die Digitalisierung bietet, werden in nahezu jeder Industrie über die nächsten Jahre hinweg ein Game-Changer sein. Viele Unternehmen haben verstanden, dass eine zukunftsfähige Cloud-Migrations-Strategie das dafür nötige Fundament liefert.“
  6. Jürgen Runge, Micro Focus
    “Das Thema Cloud ist endlich im Mainstream angekommen. Es wird im Einklang von IT- und Unternehmensstrategie geplant und umgesetzt und folgt zentralen Steuerungsgrößen von Kosten, Verfügbarkeit und Sicherheit.“
  7. Thomas Strigel, SPIRIT/21
    „Es ist erfreulich, dass es in den meisten Firmen eine Strategie für die Cloud-Migration gibt, egal ob sie auf Druck des Business, der Unternehmensführung oder einer innovativen IT initiiert und umgesetzt wurde. Fest steht damit auch, dass die Vorteile von Cloud-Technologien erkannt werden und Vorbehalte weitgehend abgebaut sind“
  8. Tom Dehouck, Unit4
    „Eine Cloud Migration bringt eine agile Denkweise mit sich, die sich positiv auf das tägliche Geschäft und die Produktivität, aber auch auf das Recruiting neuer IT-Fachkräfte auswirkt“
  9. Mathias Lopass, Arvato Systems
    „Bei fast allen Unternehmen ist die Cloud ‚angekommen‘. Die Erkenntnis, dass damit die Reise in die Cloud erst begonnen hat, ist besonders im ersten Jahr häufig ein sensibler und eng zu begleitender Punkt. Versprechungen und Erwartungen prallen mit den erforderlichen Anpassungsbedarfen aufeinander, die nötig sind, um die echten Cloud-Mehrwerte im Hinblick auf Agilität, Flexibilität und Innovationskraft ausschöpfen zu können.“
  10. Jörg Thamm, Horváth & Partner
    „Nach unserer Erfahrung entwerfen Unternehmen oft nur eine technische Cloud-Strategie, bei der nicht der ganzheitliche Nutzen für die Geschäftsprozesse und für das Unternehmen im Vordergrund steht. Um den größtmöglichen Nutzen zu erzielen, ist im Business-Kontext jedoch die möglichst nahtlose Verzahnung der Cloud- mit der Business-Strategie essenziell.“
  11. Josef Adersberger, QAware
    „Gut gemacht ist der Return on Invest bei einer Cloud Migration recht ansehnlich und der Nutzen mannigfaltiger als gedacht, zum Beispiel durch stark verkürzte Entwicklungszyklen, verringerte Ausfallzeiten und ein höheres Sicherheitsniveau, aber auch durch deutlich geringere Betriebskosten nach einigen Optimierungsrunden. Dazu gesellt sich die höhere Attraktivität für Entwicklertalente.“

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