Multicloud im Mittelstand: ERP-Systeme sinnvoll ergänzen

” 2021 wird das Jahr von Multicloud “, prognostizierte die International Data Corporation (IDC) bereits im Frühjahr 2020. Die Analysten gehen davon aus, dass bis 2022 etwa 90 Prozent aller Unternehmen weltweit auf einen Mix aus verschiedenen Cloud-Diensten und -Anbietern setzen werden.

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Der Vorteil liegt auf der Hand: Firmen nutzen und bezahlen IT-Kapazitäten, Applikationen, Speicherplatz oder einzelne Funktionen je nach Bedarf und sind nicht mehr abhängig von einem einzelnen Anbieter (Vendor Lock-in). Streicht ein Cloud Provider bestimmte Services aus seinem Portfolio oder erhöht die Preise, ist im Idealfall problemlos ein Wechsel zu einem anderen Anbieter und damit gegebenenfalls auch in eine andere Cloud möglich. Für international tätige Unternehmen kann es außerdem von Vorteil sein, gezielt auf Anbieter zu setzen, die in der jeweiligen Region besonders stark vertreten sind.

Während Multiclouds bei großen Unternehmen längst keine Seltenheit mehr sind, reagiert der Mittelstand noch verhalten auf diese Modelle. Nach einer aktuellen Studie des Marktforschungsunternehmens Techconsult beschäftigen sich zwar bereits 63 Prozent der Mittelständler mit hyperkonvergenten und damit virtualisierten IT-Infrastrukturen, der aktuelle Verbreitungsgrad ist mit rund zehn Prozent aber noch relativ gering. Dabei kann sich auch für kleinere Unternehmen eine Kombination aus verschiedenen Cloud-Diensten lohnen. Vorausgesetzt, diese werden klug gemanagt.

Zum Verständnis hilft zunächst ein kurzer Blick auf die verschiedenen Definitionen und Begriffe rund um die IT-Wolke: Multicloud-Modelle bestehen grundsätzlich aus mehr als einer Cloud-Implementierung. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um reine Softwareanwendungen (Software-as-a-Service, SaaS), auf die Unternehmen via Webbrowser oder über eine API zugreifen.

Neben den reinen Applikationen lassen sich auch Infrastrukturkomponenten, wie Speicherplatz oder Rechenkapazitäten aus der Cloud beziehen (Infrastructure-as-a-Service, IaaS). Den Markt dominieren hier die drei großen Hyperscaler Amazon Web Services (AWS), die Google Cloud Plattform und Microsoft Azure. Schließlich haben Unternehmen auch die Möglichkeit, Entwicklungsplattformen aus der Cloud zu nutzen (Platform-as-a-Service, PaaS), um dort selbst Anwendungen zu entwickeln, zu verwalten und zu hosten.

Nicht zu verwechseln mit dem Begriff Multicloud ist die hybride Cloud. Ein Konstrukt, bei dem private Cloud-Lösungen oder eine On-Premises-Infrastruktur mit Services aus einer Public Cloud kombiniert werden.

Lesetipp: IT-Infrastruktur – 11 dunkle Multicloud-Geheimnisse

Wenn im Mittelstand von Multicloud die Rede ist, ist damit meistens die Nutzung verschiedener Software-Services aus der IT-Wolke gemeint. Wer ein ERP-System im Einsatz hat, weiß, dass eine Standardsoftware – unabhängig davon, ob sie in der Cloud oder lokal betrieben wird – nicht immer alle Anforderungen eines Unternehmens vollständig abdecken kann. Anbieter, die auf bestimmte Services spezialisiert sind, haben da häufig die Nase vorn. Beispielsweise in den Bereichen Dokumentenmanagement (DMS), Customer Relationship Management (CRM) oder dem digitalen Rechnungseingang bietet der Markt inzwischen zahlreiche Applikationen, die über die Funktionalitäten einer klassischen ERP-Lösung hinausgehen. Unternehmen können hier im Sinne einer Best-of-Breed-Strategie einzelne Anwendungen spezialisierter Anbieter aus anderen Clouds hinzuziehen.

Auch KI-Anwendungen, die mit Hilfe von Echtzeit-Daten eine bessere Steuerung von Produktionsprozessen ermöglichen, werden im Mittelstand immer häufiger in bestehende ERP-Systeme integriert. Voraussetzung für derartige Multicloud-Ansätze: Das ERP-System bietet die Möglichkeit, Services externer Anbieter über offene Schnittstellen (REST-API) problemlos zu integrieren und über sichere Verbindungen (z.B. Site-to-Site VPN) anzubinden.

  1. Thomas Strigel, SPIRIT/21
    “‘Automate everything’ sichert hohe Verlässlichkeit, Geschwindigkeit und Wiederholbarkeit. Gleichzeitig bleiben Einsatzkosten und Dokumentationsaufwände überschaubar.”
  2. Hansjörg Metzger, Arvato
    „Natürlich ist der Gedanke an Leistung aus der Steckdose erst mal attraktiv, aber die Private Cloud wird auch in Zukunft ein wichtiger Faktor bleiben – schließlich ist eine Public Cloud keine Generalantwort auf alle Fragen und Probleme.“
  3. Andreas Brix, GlobalSign
    „Letztlich lehrt uns die Erfahrung, dass Innovation eher aus den Fachabteilungen kommt, die bestimmte Workflows externalisieren und in PaaS-Setups überführen wollen. Die Digitalisierung einzelner Prozesse bildet oft den Anfang jeder Cloud-Strategie.“
  4. Thomas Gutke, Matrix
    „Wer als mittelgroßer Public-Cloud-Anbieter ein tragfähiges Lösungsportfolio anbieten kann und die richtige Nische für sich identifiziert, etwa beim Schutzbedarf oder der Vertragsausgestaltung, der kann auch langfristig neben den Hyperscalern bestehen.“
  5. Torsten Böttjer, Oracle
    „Der Datenschutz ist eigentlich kein valides Argument mehr gegen große Anbieter. Die Situation ist heute eine andere als noch vor ein paar Jahren. Cloud-Anbieter haben Ihre Hausaufgaben gemacht. Die neueste Generation von Cloud-Infrastruktur trennt Nutzer- und Betreiberumgebungen so stark, dass Zugriffe der Betreiber auf Betriebssystem, Applikationen und Daten der Nutzer ohne deren explizite Freigabe nicht mehr möglich sind. Damit wird auch die Diskussion um den Cloud Act obsolet, weil dieser lediglich den Fall abdeckt, in dem kein bilaterales Abkommen zwischen den Staaten besteht.“
  6. Ales Zeman, Quest
    „Der Trend scheint mir primär Richtung Platform as a Service zu gehen. Wenn Firmen allerdings schon ein eigenes Rechenzentrum in Betrieb haben, sollten sie sich die Prozesse genau anschauen und dann entscheiden, welche davon wirklich in die neue Infrastruktur überführt werden sollen.“
  7. Achim Freyer, Rubrik
    „Angesichts zunehmender Konzentrationsbewegungen im Anbietermarkt stellt sich für viele Unternehmen die Frage, ob ihr Provider auch morgen noch da sein wird. Dieses Thema hängt wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der CIOs.“

Ein weiteres Motiv für einen Multicloud-Ansatz ist die Datensicherheit. Erst kürzlich machte diesbezüglich ein Unfall im OVH-Rechenzentrum SBG2 in Straßburg Schlagzeilen: Das größte Datacenter Europas mit Platz für rund 12.000 Server brannte völlig aus. Nach dem Feuer waren rund 3,6 Millionen Websites über 464.000 Domains hinweg offline.

Auch wenn solche Unfälle selten passieren – ganz auszuschließen sind sie nicht. Weder für Großunternehmen noch für KMU. Egal, ob sich die Daten im eigenen Haus oder in einem Rechenzentrum befinden. Auch Mittelständler gehen daher zunehmend auf Nummer sicher und schaffen Backup-Systeme für den Ernstfall. Dazu buchen sie Server-Kapazitäten aus der Cloud, um dort besonders sensible Daten zu speichern oder sogar die komplette Infrastruktur zu spiegeln.

Nicht unerheblich ist dabei der Server-Standort – vor allem seit der EU-US Privacy Shield im vergangenen Sommer für ungültig erklärt wurde. Die informelle Datenschutz-Absprache gewährleistete den Schutz personenbezogener Daten, die aus der Europäischen Union in die USA übertragen wurden. Seit diese Regelung nicht mehr gilt, sind Unternehmen gut beraten, besonders kritische Anwendungen und Daten in Rechenzentren zu speichern, die in Deutschland stehen. Denn damit unterliegt automatisch auch der gesamte Datenverkehr den strengen deutschen Datenschutzgesetzen.

Lesetipp: Datenaustausch mit den USA – EuGH zerstört EU-US Privacy Shield

So überzeugend die Vorteile einer Multicloud-Strategie auch sind – in der Praxis kann ein solches Konstrukt schnell sehr komplex werden. Jeder, der zu Hause Internet, Telefon und Fernsehen von drei verschiedenen Anbietern bezieht, statt bequem auf das Rundum-Sorglos-Paket eines einzigen Providers zu setzen, kann ein Liedchen davon singen.

Bei der Multicloud ist das nicht anders. Das kontinuierliche Management verschiedener Plattformen ist eine große Herausforderung für jede IT-Abteilung. Schließlich müssen sich die Mitarbeiter zusätzlich zum Tagesgeschäft mit den unterschiedlichen Preismodellen, Sicherheits- und Compliance-Policies oder Service Level Agreements diverser Provider auseinandersetzen. Dazu kommt, dass die Anbieter unterschiedliche Tools zur Verwaltung ihrer Cloud-Dienste nutzen. Und zu guter Letzt müssen die unterschiedlichen Clouds über passende APIs verbunden und gesichert werden.

Ohne externe Unterstützung sind diese Aufgaben für einen Mittelständler oft nur schwer zu stemmen. Für die saubere Orchestrierung der Multicloud kann es daher hilfreich sein, einen Managed Cloud Service Provider hinzuzuziehen. Er unterstützt Unternehmen dabei, Workloads und genutzte Services und Leistungs­übergabepunkte zu definieren, Standardabläufe und Key-Performance-Indikatoren (KPIs) festzulegen, sowie Service Level Agreements auszuhandeln. Auch Sicherheitsaspekte, wie die Lastverteilung und der ausfallsichere Betrieb der Anwendungen sind bei einem Multicloud-System zu berücksichtigen. Wichtig bei der Auswahl des Partners: Er sollte unbedingt plattformunabhängig beraten und unterstützen, um einen Vendor-Lock-in zu vermeiden.

Wem das alles eine Nummer zu groß ist, der sollte sich trotzdem nicht abschrecken lassen: Nicht jedes Unternehmen braucht gleich ein allumfassendes Multicloud-System. Wie eingangs erwähnt, reicht es im ersten Schritt oftmals, das bestehende ERP-System um kleinere Services zu erweitern und gegebenenfalls ein Backup-System aus der Cloud zu nutzen. Bei diesen überschaubaren Multicloud-Modellen bietet häufig auch der ERP-Anbieter Unterstützung. Er hilft dabei, bestimmte Leistungen und Infrastrukturbereiche in andere Clouds zu verlegen und sorgt gleichzeitig für deren saubere und sichere Integration.

Grundsätzlich gilt: Die Multicloud ist keine “Alles-oder-nichts”-Entscheidung. Sie lebt von Veränderung und der kontinuierlichen Anpassung an die Marktbedingungen einerseits und den spezifischen Anforderungen des Unternehmens andererseits. Richtig genutzt kann die Multicloud daher auch für den Mittelständler ein erfolgversprechendes Modell sein. (bw)

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