Personalchefin im Interview: “Feedback wird nur angenommen, wenn es positiv ist”

Unlängst war in einer Studie zu lesen, dass Arbeitgeber den Mangel an digitalen Talenten beklagen. Wie sind Ihre Erfahrungen? Wenn es denn stimmt, welche davon fehlen Ihnen am meisten?

Gabriele Fanta: Der Trend an sich ist zwar nicht neu, aber auch wir spüren zunehmend die Folgen des wachsenden Fachkräftemangels: Konzernweit haben wir im IT-Bereich aktuell circa 200 unbesetzte Stellen, Tendenz steigend. Das betrifft vor allem Software-Ingenieure und Architekten sowie SAP-Berater und -Entwickler, aber auch Business-Intelligence-Entwickler und Data Scientists für unsere Joint Ventures. Auf der einen Seite haben wir also einen großen Bedarf an Nachwuchstalenten. Auf der anderen Seite zieht es gerade viele junge Menschen zu Körber, die die Kombination aus Startup-Kultur und Konzernstruktur an uns schätzen. Das sind überwiegend Menschen, die selbst einmal planen, zu gründen und bei Körber dafür die nötige Erfahrung sammeln möchten. Welcher Technologiekonzern kann das schon bieten?

Wie finden Sie diese Talente mit Digital-Know-how, zumal Sie sich gerne als Champion der digitalen Transformation bezeichnen, andererseits dann doch nicht so bekannt sind wie die Googles, SAPs und Microsofts dieser Welt, die in solchen Arbeitgeberrankings immer vorne liegen?

Fanta: Seit Anfang 2020 sind wir global als eine Marke an mehr als 100 Standorten aktiv, bieten internationale Zusammenarbeit und Karrierewege. Insofern stehen wir großen Playern in nichts nach. Wir sind das “Zuhause für Unternehmer”, bieten Startup-Atmosphäre und gewachsene Strukturen gleichermaßen. Das kommt gut an.

Wie zeigt sich das im Recruiting?

Fanta: Neben klassischen Aktivitäten setzen wir im Recruiting vor allem auf eigene Formate wie den 24h Körber Career Day, ein globaler, virtueller Karrieretag. So geben wir Bewerberinnen und Bewerbern die Möglichkeit, ganz unkompliziert mit uns in Kontakt zu treten. Sie schnuppern nicht nur in unseren Konzern rein, sondern halten am Ende des Tages möglicherweise schon einen Arbeitsvertrag in den Händen. Dieser Ansatz erweist sich als sehr erfolgreich, der nächste Career Day ist bereits in Planung.

Welche Voraussetzungen sollten diese digitalen Talente bei Ihnen mitbringen? Wen suchen Sie in Ihrer Linie?

Fanta: IT-Background ist natürlich hilfreich, aber noch wichtiger ist es, um die Ecke denken zu können, Spaß an Projekten für unsere Kunden mitzubringen und offen für Weiterentwicklung zu sein. Da wir global agieren, sind Erfahrungen in internationalen Projektteams sowie mit agilen Methoden wie Scrum von Vorteil. Wir ziehen Menschen an, die Unternehmergeist mitbringen und sich nicht entscheiden wollen zwischen Großkonzern oder Startup, die vielleicht selbst schon gegründet haben oder es noch vorhaben. Das trifft vor allem auf viele Kolleginnen und Kollegen im Körber Geschäftsfeld Digital zu. Solche Talente passen gut in unsere Kultur, die geprägt ist von Mut, Selbständigkeit und Innovationskraft.

Wie haben sich die Profile Ihrer Bewerber geändert und was darf für Sie in keinem Lebenslauf fehlen?

Fanta: Die Profile sind heute weniger stringent, dafür wesentlich vielfältiger. Unserer Kultur spielt genau das in die Karten. Die Technologiebranche ist geprägt von ständiger Veränderung. Was sich geändert hat, ist die Geschwindigkeit des Wandels. Daher stechen vor allem Bewerberinnen und Bewerber hervor, die zeigen können, dass ihnen die Dynamik liegt und dass sie Freude daran haben. Ebenso ist es wichtig, dass Kandidatinnen und Kandidaten über Selbstreflexion verfügen. Das ist die Grundvoraussetzung für ein Weiterentwicklungspotenzial. Leider nimmt das immer weiter ab – denn Feedback wird heute teilweise nur dann angenommen, wenn es positiv ist. Dabei ist Kritikfähigkeit so wichtig und aus Fehlern Handlungsoptionen ableiten zu können – viel mehr braucht es nicht für eine erfolgreiche Berufstätigkeit. Um genau das herauszufinden, sind weniger Algorithmen oder AI entscheidend, sondern nach wie vor das persönliche Gespräch.

Ihr Unternehmen spricht gerne davon, dass es Rebellen, also nicht den langweiligen Durchschnittsbewerber, sucht. Wie findet Körber diese Talente – am besten durch Künstliche Intelligenz?

Fanta: Auch wenn wir uns bei der Entwicklung von Produkten auf Algorithmen, Data Science und vernetzte Maschinen einsetzen, liegt die finale Entscheidung über passende Kandidaten nicht in der Hand einer Künstlichen Intelligenz, sondern in der unserer Recruiting-Experten. Digital bleibt der Prozess dennoch. Die Entscheidung, wer zum Match wird, fällt dabei nicht ausschließlich auf Geschäftsführungs- oder HR-Ebene, sondern zusammen im Team. Im Recruiting unterstützen außerdem unsere “Körber Career Pioneers”. Das sind Kolleginnen und Kollegen mit hoher Expertise und einem großen Erfahrungsschatz, die über ihre Präsenz in den sozialen Netzwerken als Botschafter für unsere Arbeitgebermarke agieren.

Wie groß ist die Herausforderung, die Talente all dieser Rebellen richtig einzusetzen?

Fanta: Körber ist technologischer Innovationstreiber. Innovation erfordert Disruption und Mut und genau diese Eigenschaften bringen “Rebellen” mit. Unternehmen, die sich Corporate Rebels, wünschen, dürfen sich nicht durch weniger mutige Führungskräfte ausbremsen lassen. Wir bei Körber haben letztes Jahr das Thema Führung komplett neu aufgesetzt, neue Leadership Principles erarbeitet, um unsere Führungskräfte bei dieser Herausforderung zu unterstützen. In Workshops gehen unsere HR Business Partner mit den Führungskräften in den Dialog: Sie lernen dort ganz praktisch, wie sie sowohl während des Einstellungsprozesses als auch bei der Mitarbeiterentwicklung solche Rebellen erkennen und fördern können.


Der Maschinenbauer Körber sucht – wie viele andere Arbeitgeber auch – digitale Talente, die am besten auch noch “Rebellen” sind, wie Personalchefin Gabriele Fanta versichert.

Haben sich im Zuge Ihrer Digitalisierungsoffensive neue Berufsbilder herausgebildet oder werden klassische Berufsbilder wie Elektroningenieure oder auch Programmierer jetzt in neue Themen weitergebildet und wenn ja, welche?

Fanta: Ich halte den Begriff “Berufsbilder” in diesem Zusammenhang selbst schon für antiquiert. Wir haben Menschen im Geschäftsfeld Digital, die eben keine Informatiker sind. Ebenso haben wir in der Fertigung nicht immer den klassischen Maschinen- oder Anlagenbauer im Einsatz. Heute und morgen ist mehr denn je die persönliche Flexibilität abseits von formalen Werdegängen gefragt.

Aus diesem Grund bieten wir – ebenso agil – ein digitales Curriculum an. Im sogenannten Center of Digital Excellence (CODE) können Kolleginnen und Kollegen beispielsweise die Grundlagen von Data Science oder Design Thinking erlernen. So fördern und fordern wir die Generalisten und Spezialisten von morgen. Ich bin überzeugt: Menschen mit Potenzial können sich nahezu alles aneignen – wenn sie es nur wollen. Mir hat meine Lust auf Lernen über meine Stationen quer durch Funktionen und Branchen hinweg jedenfalls immer geholfen. (mp/fm)

https://www.computerwoche.de/a/feedback-wird-nur-angenommen-wenn-es-positiv-ist,3552831

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