Krisenstrategien für CIOs in der Fertigung: Hätte, hätte, Lieferkette

Gartner rät allen westlichen Unternehmen in den nächsten Tagen und Wochen vor allem erstmal eines: “Human First”. Alle Möglichkeiten nutzen, um Menschenleben zu retten, vertriebene Familien mit Lebensmitteln, Kleidung, Medikamenten und Unterkünften zu versorgen. Kinder und Bedürftige sollten besondere Aufmerksamkeit erfahren.

Längerfristig muss sich der Westen die Frage stellen, ob er in der Lage ist, die durch den russischen Einmarsch in die Ukraine und die Embargos gegen Belarus fehlenden Kapazitäten in der Fertigungsindustrie schnell zu ersetzen. Produktionsunternehmen in Europa und auf der ganzen Welt werden sowohl lokal als auch unternehmensweit von den Folgen des Russland-Ukraine-Krieges betroffen sein. Deren CIOs müssen nun die Standorte vor Ort unterstützen, insbesondere im Hinblick auf die Infrastruktur und die physische und virtuelle Sicherheit. Jeder Mitarbeiter, jeder Prozess und jede Ressource, die beeinträchtigt ist, wird unvorhersehbare Herausforderungen nach sich ziehen – insbesondere in einem automatisierten Netz aus Zulieferern und Partnern.

Auch CIOs verantworten in den betroffenen Bereichen eine Lösungsstrategie, wenn es zu Lieferengpässen kommt. Dazu zählen kurz- und mittelfristige Ausfälle der Öl- und Gasversorgung. Demnächst werden zudem weitere Preissteigerungen und Verfügbarkeitsengpässe erwartet, beispielsweise bei Weizen. Darüber hinaus wird Russlands Anteil an den weltweiten Nickelausfuhren auf etwa 49 Prozent, Palladium auf 42 Prozent, Aluminium auf 26 Prozent, Platin auf 13 Prozent, Stahl auf 7 Prozent und Kupfer auf 4 Prozent geschätzt.

Hinzu kommt, dass sich die ukrainische Informations- und Kommunikationsbranche im Laufe der Jahre zu einem Innovationszentrum für Software und Spitzentechnologie entwickelt hat. Vor allem in den Bereichen Biologie, Chemie und Schwerindustrie müssen Unternehmen jetzt mit Verlusten oder Verzögerungen bei der Umsetzung ihrer digitalen Technologiestrategien rechnen.

Darüber hinaus erfordern Marktschwankungen eine hohe Widerstandsfähigkeit und Agilität in Bezug auf die Zusammenarbeit mit Kunden und Zulieferern entlang der gesamten Fertigungswertschöpfungskette. CIOs müssen bewerten, welche Daten geschützt werden müssen oder erforderlich sind, um Flexibilität und Interaktion zu gewährleisten. Anschließend können CIOs die Prinzipien der Datenorchestrierung anwenden, um Modelle für die Beschaffung, den Einkauf, die Produktion und den Vertrieb zu identifizieren, mit denen sich die Markteinführungszeit erhöhen oder überprüfen lässt.

CIOs in der Fertigungsindustrie sollten diesen vier Strategien folgen, um Auswirkungen schnell zu identifizieren und Gegenmaßnahmen einzuleiten. Dabei bietet sich für die IT-Entscheider und ihre Teams außerdem die Gelegenheit, die Fähigkeiten ihrer Digitalisierungsstrategie unter Beweis zu stellen. Durch geschickte Analyse von Fertigungsabläufen, agile Arbeitsplatzbereitstellung sowie Datenmodelle zur Vulnerabilitätsprognose können kurzfristig Probleme priorisiert und Lösungsentwürfe erarbeitet werden. Die Bereitstellung von Kunden-, Lieferketten- und Belegschaftskommunikationsplattformen garantiert eine konstante Informations- und Feedbackschleife, um alle Beteiligten transparent in die Probleme und Lösungsmöglichkeiten miteinzubeziehen.

1. Umfassende Schwachstellenanalyse durchführen

CIOs müssen einen Stresstest für die Sicherheit der Produktionsinfrastruktur und ihrer Abläufe durchführen, um sich so zu vergewissern, dass die Kommunikation, die Datennetzwerke und die Back-End-Systeme sicher sind. Dazu gehören eine Risikomanagement-Analyse, die Sicherstellung der Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebs und die Bewertung potenzieller Datenverletzungen.

In dieser Branche werden zunehmend webfähige IoT-Umgebungen eingesetzt. Deshalb müssen hier IT und OT Anwendungsbereiche wie die Fernwartung, das Customer Engagement oder Intelligent Edge auf synchronisierte Sicherheits- und Ausfallsicherheitsprotokolle überprüfen. Darüber hinaus sollten CIOs bewerten, wie stark das Unternehmen gefährdet ist, wenn Software und IT-Ressourcen nicht mehr verfügbar sind. Besonders wichtig ist das, wenn die bestehende IT-Infrastruktur von Partnern bereitgestellt wird, die Services nach Osteuropa ausgelagert haben.

2. Kostenauswirkungen bestimmen mithilfe von Datenmodellierung

CIOs verantworten oder erarbeiten häufig auch direkt eine IT- und betriebsübergreifende Datenstrategie und entwickeln datengesteuerte Geschäftsmodelle. Wer vorab definiert hat, wie Datenstrategien angeglichen und koordiniert werden, kann relativ schnell die entsprechenden Informationen aus verschiedenen Produktions- und Unternehmenssystemen für die jeweilige Problembeseitigung bereitstellen. Unternehmen, die in der Vergangenheit Schwierigkeiten mit der Datenanpassung und -verwaltung hatten, müssen jetzt eine digitale Analyse und Bewertung durchführen.

Häufig haben die IT- und Betriebsteams mit unterschiedlichen Digitalisierungsprojekten begonnen, die in einem Krisenfall keine eindeutigen Ergebnisse liefern. CIOs müssen sich jetzt auf Datenmodelle fokussieren, die verschiedene Betriebskostenfaktoren wie Energie, Gas und Rohstoffe einbeziehen und potenzielle Effizienzsteigerungen aufzeigen. Diese Erkenntnisse lassen sich in Algorithmen übersetzen, die standortübergreifend genutzt werden können. Unterbrechungen der Versorgungskette treffen vor allem kritische Fertigungsprozesse. Deshalb ist die Datenmodellierung notwendig, um relevante Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Fertigungsprozess herauszuarbeiten.

3. Standortübergreifende Zusammenarbeit ermöglichen

Durch den Krieg und seinen Folgen werden sich die Rahmenbedingungen für Märkte, Ressourcenverfügbarkeit, Gesundheit sowie Sicherheit von Menschen und Wirtschaft kontinuierlich verändern. Dies erfordert, dass CIOs die Umverteilung von Ressourcen und Kapazitäten vor allem in den Bereichen oder Standorten unterstützen, in denen die Sicherheit der Arbeitsbedingungen und kritische Infrastrukturen oder Lieferketten nicht aufrechterhalten werden können.

Die Unsicherheit aufgrund des Russland-Ukraine-Kriegs breitet sich auf makroökonomischer Ebene immer weiter aus, und CIOs multinationaler oder globaler Unternehmen müssen die Geschäftsleitung mithilfe von Daten und Analysen schnellstmöglich unterstützen können. Nur so lässt sich die Zusammenarbeit in verschiedenen Geschäftsphasen mit Geschäftspartnern, Lieferanten und Kunden steuern.

Mit genauen Daten über die eigenen Produkte, deren Prozesszyklen und die Simulation von digitalen Zwillingen kann ein Kollaborationsmechanismus erstellt werden, der die verschiedenen Faktoren in einem Arbeitsablauf bis hin zu einem Produktionslebenszyklus verdeutlicht. Eine von den einzelnen Standorten zugängliche Kollaborationsplattform und Datenübersichten schaffen dann Transparenz und sorgen für einen aktiven Entscheidungsspielraum.

4. Sicherheits-, Gesundheits- und Umweltschutz- (SGU) Maßnahmen einführen

Falls noch keine SGU-Maßnahmen vorhanden sind, müssen CIOs diese einführen, um den Arbeitsplatz nach diesen Standards zu bewerten. Auch in disruptiven Zeiten müssen SGU-Maßnahmen eingehalten werden, denn es geht hier um mehr als nur um das Einhalten von Regeln. Viele Produktionsunternehmen müssen die Einhaltung von Vorschriften bei ihren Lieferkette und der Materialnachhaltigkeit nachweisen.

Das gilt beispielsweise für bedenkliche Stoffe in Produkten sowie für die Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung von Chemikalien (REACH). SGU-Vorschriften minimieren Risiken innerhalb des Unternehmensbetriebs und der Lieferkette durch konsequente Datenerfassung und -überprüfung. Außerdem unterstützen sie kontinuierlich das Gesundheits- und Sicherheitsmanagement der Belegschaft vor Ort. (mb)

https://www.computerwoche.de/a/haette-haette-lieferkette,3552978

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