Studie zu S/4HANA: “Herkömmliches ERP reicht nicht mehr”

Florian Roth, Chief Digital und Information Officer (CDIO) der SAP, ist verantwortlich für die IT- und Digitalisierungsstrategie des Walldorfer Softwarekonzerns. Wir haben mit ihm über einige Ergebnisse der aktuellen COMPUTERWOCHE-Studie “SAP S/4HANA 2022” gesprochen.

Herr Roth, die Ergebnisse unserer Studie “SAP S/4HANA 2022” zeigen, dass in vielen Unternehmen ein großer Handlungsdruck besteht, bestehende ERP-System Cloud-fähig zu machen. Wo kommt nach Ihrer Erfahrung dieser große Druck genau her?

Florian Roth: Ich denke, das liegt vor allem an der heutigen volatilen, unsicheren, komplexen und vielschichtigen Wirtschaftslage. Vor allem die letzten zwei Jahre haben den Bedarf an modularen Cloud- und intelligenten ERP-Lösungen, die Unternehmen helfen, nachhaltig erfolgreich zu sein, deutlich gemacht und beschleunigt. Wir müssen auch anerkennen, dass die Menge und Geschwindigkeit der Daten explodiert ist und damit das herkömmliche regelbasierte ERP nicht mehr ausreicht, um die Notwendigkeit einer schnelleren und genaueren Entscheidungsfindung zu unterstützen. Unternehmen erkennen, dass sie von einem reaktiven Geschäftsansatz zu einem proaktiven Ansatz übergehen müssen, und eine modulare Cloud- und intelligente ERP-Lösung, die zunehmend automatisiert und selbstlernend ist, wird sie dorthin bringen.

Wie sieht das Ganze technisch genau aus?

Roth: Modulare Cloud- und intelligente ERP-Systeme bringen bewährte Regeln mit intelligenten Technologien ins Gleichgewicht. Eine In-Memory-Datenbank hilft Unternehmen, Big Data aus verschiedenen Quellen – internen und externen, strukturierten und unstrukturierten, dem Internet der Dinge (IoT) und dem ERP-System selbst – zu analysieren und darauf zu reagieren. Intelligente Technologien optimieren und automatisieren Geschäftsprozesse, antizipieren Herausforderungen und bieten den Anwendern digitale Unterstützung, so dass Entscheidungen besser fundiert sind, die Produktivität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erhöht und die Reaktionsfähigkeit auf sich ändernde Geschäftsanforderungen verbessert wird.

Welche Rolle spielt die Cloud?

Roth: Unternehmen sind sich bewusst, dass sie die Vorteile der einfachen Handhabung und der schnelleren Innovationszyklen, die die Cloud bietet, nutzen müssen, um manuelle und sich wiederholende Aufgaben durch Automatisierung zu eliminieren und traditionelle Geschäftsprozesse neu zu gestalten. Um Erfolge zu sichern, müssen Führungskräfte ihre Unternehmen so steuern, dass sie heute innovativ und effektiv arbeiten und gleichzeitig zukunftsfähig bleiben. Modulare Cloud- und intelligente ERP-Systeme spielen eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, die Geschäftsanforderungen in einem sich schnell verändernden Umfeld zu erfüllen. Die Investitionen für die Cloud waren im ersten Quartal 2020 fast dreimal so hoch wie im Vorjahr. Bis November 2020 hatten bereits 70 Prozent der Unternehmen, die die Cloud nutzen, geplant, ihre Ausgaben aufgrund des schnelllebigen und disruptiven Marktes weiter zu erhöhen. Wir wissen bereits, dass 60 Prozent des SAP-Geschäfts bis 2023 in der Cloud stattfinden wird. Der Handlungsdruck ist also sehr hoch und wird weiter zunehmen, wenn Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben wollen.

Stichwort Wettbewerbsfähigkeit – gerade das Thema Know-how-Mangel treibt auch viele SAP-Anwenderunternehmen um. Was empfehlen Sie, wenn es um den Wissensaufbau geht?

Roth: Das Thema IT-Know-how ist in unserer Branche nicht zu unterschätzen, und es gibt grundsätzlich zwei Ansätze. Die erste Taktik besteht natürlich darin, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit den entsprechenden Kenntnissen einzustellen. Die Schwierigkeit dabei ist jedoch, dass aufgrund unseres beschleunigten Wandels von On-Premises-Lösungen zu Cloud-Produkten die erforderlichen Kenntnisse und Fähigkeiten in allen Unternehmen und Branchen sehr gefragt sind.

Dazu gehören insbesondere auch Kenntnisse und Fähigkeiten, die sich mit IT-Anwendungen im weiteren Sinne befassen, wie beispielsweise DevOps, Agile, IT-Sicherheit, Cloud-Architektur und entsprechende Programmiersprachen. Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage nach Fachkräften mit dem entsprechenden IT-Fachwissen. Eine andere und für uns bewährtere Taktik bei SAP ist die Weiterentwicklung unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. In dem Bewusstsein, dass sich unsere Anwendungsstruktur nach und nach ändern wird, haben wir schon sehr früh damit begonnen zu bewerten, welche Fähigkeiten und Kenntnisse wir in Zukunft benötigen. Dabei haben wir gezielt interne Schulungen entwickelt, um IT-Know-how in Bereichen, in denen wir Nachholbedarf sahen, auszubauen. Diese Schulungen bieten wir in Form von klassischen Kursen, virtuellen Workshops oder On-Demand-Lösungen an.

Wie gut hat sich dieser Ansatz bewährt? Wie sehen die Erfolge aus?

Roth: Wir sehen bereits heute deutliche Verbesserungen in den Bereichen Analytik, maschinelles Lernen, Agilität oder User Experience. Dies beschreibt jedoch nur einen Aspekt unseres Ansatzes. Wir haben nicht nur die einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter betrachtet, um rein technologisches Wissen aufzubauen, sondern wir haben die Organisation als Ganzes in den Blick genommen.

Neben den notwendigen technischen Fähigkeiten erfordern neue Technologien auch ein neues Verständnis von Arbeit. Wie wachsen wir zusammen, wie arbeiten wir zusammen, wie führen wir unsere Organisation in die Zukunft? Als Antwort darauf haben wir unsere so genannte People Agenda entwickelt, die es uns ermöglicht, unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Empathie und emotionaler Intelligenz zu führen, um gemeinsam eine hohe Effektivität und Motivation bei allen Beschäftigten zu erzielen.

All diese Aspekte bilden den Kern unserer Strategie und spielen eine proaktive Rolle in unserem Bestreben, uns für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einzusetzen. Mit dieser Strategie ist es uns gelungen, dem Mangel an IT-Know-how vorzubeugen und, was sehr wichtig ist, eine echte Lernkultur zu schaffen. Indem wir mehr Lernende mit attraktiven Inhalten und praktischen Erfahrungen erreichen, beschleunigen wir die Transformation unserer Mitarbeitenden, Kunden, Partner und des Entwickler-Ökosystems gleichermaßen. Auf diese Weise ermöglichen wir es den Beschäftigten in jeder Phase ihrer beruflichen Laufbahn, sich die Cloud-Fähigkeiten anzueignen, die sie benötigen, um in ihrer aktuellen Rolle erfolgreich zu sein und in Zukunft zufrieden und wettbewerbsfähig zu bleiben. Das ist quasi eine Win-Win-Situation für unser Unternehmen und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Kommen wir zurück zur Studie – mehr als zwei Drittel der von uns befragten Unternehmen planen den Umstieg auf SAP S/4HANA mittels “RISE with SAP” innerhalb der kommenden zwölf Monate. Wo liegen die Vorteile von RISE with SAP aus unternehmensstrategischer Sicht?

Roth: Ich freue mich zu hören, dass zwei Drittel Ihrer Teilnehmer RISE with SAP in Betracht ziehen. Das bedeutet, dass diese Unternehmen die erheblichen strategische Vorteile bereits erkannt haben und verstehen, wie unser Angebot ihnen einen klaren und flexiblen Weg zu einem intelligenten, nachhaltigen Unternehmen bietet. RISE with SAP ist die Lösung, die Unternehmen auf diesem Weg unterstützt. Jedes Unternehmen muss seine Geschäftsmodelle kontinuierlich weiterentwickeln, um auf sich verändernde Rahmenbedingungen zu reagieren, Effizienzgewinne erzielen, um finanziellen Spielräume für Innovationen zu schaffen, sowie geschäftskritische Systeme ohne Risiken modernisieren. Da immer mehr Kunden auf Cloud-basierte Lösungen umsteigen wollen – und müssen -, setzten wir uns bei SAP natürlich dafür ein, dass sie diesen Weg auch erfolgreich beschreiten.

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Aus diesem Grund bieten wir mit RISE with SAP eine Art “Business-Transformation-as-a-Service” an, indem wir die richtigen Produkte und Tools in einem Paket und unter einem Vertrag bündeln, um so für unsere Kunden den Weg in die Cloud zu beschleunigen – unabhängig von Unternehmensgröße, Branche, Cloud-Reifegrad, Anpassungsfähigkeit, Volumen oder anderer Ausgangssituationen. Es ermöglicht Unternehmen die Anpassung an sich schnell ändernde Rahmenbedingungen – wie COVID-19, Klimawandel und geopolitische Spannungen – und hilft ihnen dabei, widerstandsfähiger, effizienter und agiler zu werden und auf einfachere und schnellere Weise Innovationen voranzutreiben.

Heißt zusammengefasst?

Roth: RISE with SAP eröffnet unseren Kunden einen realistischen und praktikablen Weg zum Umstieg auf SAP S/4HANA Cloud. Es handelt sich nicht nur um ein reines Angebot aus Software-as-a-Service (SaaS), Platform-as-a-Service (PaaS) und Infrastructure-as-a-Service (IaaS). Dank der tiefgreifenden Prozesserfahrung von SAP können Unternehmen eine erfolgreiche Geschäftsumstellung durchführen. Genau aus diesem Grund halte ich RISE with SAP für eine klare strategische Entscheidung.

Aus migrationstechnischer Sicht stellt sich für die Unternehmen ja immer eine Frage: Greenfield, Brownfield oder ein Mix aus beidem? Welche Methode eignet sich aus Ihrer Sicht am besten für den Umstieg auf SAP S/4HANA?

Roth: Lassen Sie uns zunächst kurz auf die einzelnen Möglichkeiten eingehen. Die drei Wege für den Umstieg auf SAP S/4HANA umfassen die Neuimplementierung als Greenfield-Ansatz, die Systemkonvertierung von SAP ECC 6.0 und höher zu SAP S/4HANA als Brownfield-Ansatz und die selektive Datenumstellung, die typischerweise für sehr große Unternehmen mit einer komplexen Landschaft und mehreren ERP-Systemen durchgeführt wird. Die meisten SAP-Kunden, das heißt fast 95 Prozent, entscheiden sich entweder für eine Neuimplementierung oder eine Systemkonvertierung. Nur fünf Prozent der Kunden entscheiden sich für eine selektive Datenumstellung.

Die richtige Entscheidung?

Roth: Unserer Erfahrung nach eignen sich sowohl Greenfield- als auch Brownfield- oder sogar ein gemischter Ansatz, und die Wahl hängt weitestgehend von der Situation des jeweiligen Unternehmens ab und davon, wo es sich auf dem Weg der Geschäftstransformation befindet. Man muss individuell beim Kunden einschätzen, wie weit die Vereinfachung und Digitalisierung von Prozessen bereits fortgeschritten ist oder wie groß die Bereitschaft für eine echte Transformation der eigenen Geschäftsprozesse ist. Generell empfehlen wir, dass alle bestehenden Geschäftsprozesse kritisch hinterfragt werden müssen und ihre Optimierung und Vereinfachung immer Teil einer Unternehmensstrategie und eines Risikominimierungsplans sein sollte. Und zwar unabhängig davon, ob der Umstieg auf SAP S/4HANA ansteht oder nicht.

Kommen wir zum Thema Zuständigkeiten: Laut Studie zeigt sich in erster Linie die IT-Organisation für die SAP S/4HANA-Migration verantwortlich. Geschäftsführung/Vorstand und Fachbereiche spielen nur Nebenrollen. Nachvollziehbar?

Roth: Der Wandel der IT-Organisationen von Dienstleistern zu strategischen Technologie-Enablern und Partnern ist unbestritten und spiegelt sich auch in der SAP S/4HANA-Migrationsdiskussion wider. Ich halte es für einen Fehler, die Geschäftsführung/Vorstand und die Fachbereiche als Nebenrollen darzustellen. Um ein intelligentes, nachhaltiges Unternehmen zu werden, reicht es nicht aus, einfach nur Technologien zu ändern. Es geht darum, die Denkweise zu ändern und eine unternehmensweite Kultur des Wandels zu schaffen, Silos aufzubrechen, agile Arbeitsweisen einzuführen und dabei den Menschen in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen. Und dazu gehört die Einbindung aller Vorstands- und Geschäftsbereiche.

Abschließende Frage: Migrationsprojekte funktionieren oft nicht ohne Partner. Welche Rolle spielen die externen Dienstleister im Kontext der SAP S/4HANA-Umstellung?

Roth: Die SAP pflegt seit langem ein lebendiges und wachsendes Partnernetz, das uns dabei hilft, unsere Unternehmensstrategie sowie unsere Service- und Supportziele zu erreichen. Und ich kann mit gutem Gewissen sagen, dass unsere Partner einen wesentlichen Anteil an unserer Erfolgsgeschichte haben. Das gilt auch im Zusammenhang mit SAP S/4HANA-Implementierungen. Partner, die Systemintegratoren sind, liefern wichtige Branchenkenntnisse und Erfahrungen, die unseren Kunden bei der Planung und Umsetzung ihrer Transformation zu einem intelligenten, nachhaltigen Unternehmen helfen. Über 1.450 Partner nutzen beispielsweise die SAP Business Technology Plattform (BTP), und es gibt mehr als 750 Partner-Apps, die auf der SAP BTP aufbauen und in SAP-Lösungen integriert sind. Als Teil des dynamischen SAP-Kundennetzwerks, arbeiten SAP-Experten und Partner mit dem gemeinsamen Ziel zusammen, unsere Kunden dabei zu unterstützen, sich zu nachhaltigen, intelligenten und einem bestgeführten Unternehmen zu entwickeln.

Um Ihre Frage also abschließend zu beantworten: Die Systemintegrationspartner von SAP spielen eine enorm wichtige Rolle für uns und unsere Kunden, sie nehmen eine Schlüsselrolle bei der erfolgreichen Migration zu SAP S/4HANA ein.

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Foto: Research Services: erdenbuerger – kreative kommunikation

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Herausgeber: CIO, CSO und COMPUTERWOCHE

Platin-Partner: Scheer GmbH; SNP Schneider-Neureither & Partner SE

Gold-Partner: All for One Steeb c/o All for One Group SE; Celonis Deutschland GmbH; Lufthansa Industry Solutions GmbH & Co. KG; SPIRIT/21 GmbH

Grundgesamtheit: Oberste (IT-)Verantwortliche von Unternehmen in der D-A-CH-Region: strategische (IT-)Entscheider im C-Level-Bereich und in den Fachbereichen (LoBs), IT-Entscheider und IT-Spezialisten aus dem IT-Bereich

Teilnehmergenerierung: Persönliche E-Mail-Einladung über die Entscheiderdatenbank Entscheiderdatenbank von CIO, CSO und COMPUTERWOCHE sowie – zur Erfüllung von Quotenvorgaben – über externe Online-Access-Panels

Gesamtstichprobe: 340 abgeschlossene und qualifizierte Interviews

Untersuchungszeitraum: 30. März bis 6. April 2022

Methode: Online-Umfrage (CAWI)

Fragebogenentwicklung & Durchführung: Custom Research Team von CIO, CSO und COMPUTERWOCHE in Abstimmung mit den Studienpartnern

https://www.computerwoche.de/a/herkoemmliches-erp-reicht-nicht-mehr,3553661

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