Studie Adaptive IT 5.0: IT als Steuermann der Digitalisierung

Die IT steuert die Digitalisierung in den Unternehmen.


Foto: Alzay – shutterstock.com

Gründe dafür sind fehlende Umsetzungspläne, fehlende Detailstrategien etwa für die Applikations- oder IT-Architektur, mangelnde zentrale Steuerung oder keine zentrale Erfolgskontrolle. Zudem nutzen Firmen die Chancen der digitalen Wertschöpfung in den Bereichen Sales und Finance nicht konsequent genug. Damit die IT ihr Potenzial künftig noch besser ausschöpft, sollte sie sich produktorientierter aufstellen und noch enger mit den Fachabteilungen zusammenarbeiten. Das sind die zentralen Ergebnisse der Studie “Adaptive IT 5.0” von Horváth.

Digitalisierung ist eines der zentralen strategischen IT-Themen der letzten Jahre. Doch wie sieht es tatsächlich mit der operativen Umsetzung der Digitalisierung in Unternehmen aus? Welche Wertschöpfung bringt die Digitalisierung konkret für welche Unternehmensbereiche? Und wie muss sich die IT-Abteilung strategisch und organisatorisch aufstellen, um für die internen und externen Herausforderungen im Rahmen der digitalen Transformation gewappnet zu sein? Diese drei Fragestellungen standen im Zentrum der aktuellen Studie Adaptive IT 5.0 von Horváth. Dazu befragte die Unternehmensberatung 315 IT- und Business-Entscheider von kleinen, mittleren und großen Unternehmen aus mehr als 15 Branchen.

Digitalisierung ist mittlerweile Bestandteil nahezu jeder Unternehmensstrategie. Doch bei der durchgängigen Operationalisierung gibt es noch Nachholbedarf. Knapp über die Hälfte der Firmen geht bei der Digitalisierung strukturiert vor, etwa mit zentralen (digitalen) Innovationsprozessen oder einem zentralen Projekt-Portfolio-Management. Am stärksten sind eine zentrale Governance und eine unternehmensweite Steuerung ausgeprägt (64 Prozent), sowie die Top-Down-Ableitung der digitalen Produkte & Services (55 Prozent) aus der Geschäftsstrategie. Der Haken: Ein Drittel der Teilnehmer wird diese Themen erst in den nächsten drei Jahren etablieren. Damit laufen diese Unternehmen Gefahr vom Markt abgehängt zu werden.

Es reicht nicht aus, die digitale Strategie auf Top-Ebene zu planen und daraus die digitalen Produkte & Services abzuleiten. Der Horváth-Studie zufolge fehlt in vielen Firmen noch eine zentral gesteuerte Implementierungs-Roadmap mit detaillierten Initiativen, Teilstrategien und Einzelprojekten, um die Digitalisierung stringent zu operationalisieren.

Der größte Nachholbedarf besteht in der aktiven und kontinuierlichen Erfolgskontrolle der digitalen Maßnahmen, um Zielabweichungen konsequent nachzusteuern. Erst bei rund 40 Prozent der Unternehmen erfolgt die Erfolgskontrolle aktiv und strukturiert. In den nächsten drei Jahren werden viele Firmen handeln und mit den geplanten Maßnahmen den durchschnittlichen Implementierungsgrad auf ca. 80 Prozent verdoppeln. Die deutschen Unternehmen drohen damit bei der Digitalisierung im internationalen Vergleich noch weiter hinterherzuhinken.

Horváth Adaptive IT 5.0 Grafik: Die 3 Themen mit der schwächsten Operationalisierung


Foto: Horváth

Interessant ist ein Blick auf die Rolle des IT-Bereichs bei der Digitalisierung. Die IT wird heute noch oft in ihrer primären Funktion als klassischer IT-Dienstleister mit Provider-Steuerungsfunktion betrachtet (52 Prozent). Dies gilt auch in der Zukunft, allerdings werden Mehrwertleistungen der IT wie die Rolle als Technologie- (+12 Prozent) und Digitalisierungsberater (+15 Prozent) der Fachabteilungen wichtiger.

Die Bedeutung der IT als wertschöpfende Einheit in der Digitalisierung nimmt damit weiter zu. Sie sollte sich stärker auf Business-Themen fokussieren, darf dabei aber die Standard-IT-Dienstleistungen nicht vernachlässigen. Letztere werden künftig verstärkt von externen Providern erbracht. Dadurch nimmt die interne IT-Fertigungstiefe ab. Die Herausforderung liegt daher künftig stärker in der Beratungsfunktion der Fachbereiche und im Provider Management.

Die Studie zeigt, dass heute die Verantwortung für die Operationalisierung der Digitalisierung oft geteilt ist. Die IT gewinnt aber weiter an Bedeutung und übernimmt künftig verstärkt die Umsetzung der digitalen Projekte (+12 Prozent) sowie zunehmend Verantwortung in Bezug auf Data Governance (+10 Prozent) und Projekt-Portfolio-Management (+9 Prozent). Bereits in 50 Prozent der Unternehmen gibt es in Bezug auf digitale Innovation, digitale Produkte und Geschäftsprozesse eine geteilte Verantwortung zwischen IT und Business. Die Verantwortung der IT in Bezug auf die Umsetzung der Digitalisierung nimmt in den nächsten Jahren zu (um bis zu 12 Prozent). Außerhalb der IT liegen Budgetverantwortung und das digitale Produktportfolio.

Ein erstaunliches Ergebnis ergab die Studie beim Thema Wertschöpfung durch Digitalisierung. Die größte Wertschöpfung durch die Digitalisierung realisieren Unternehmen in der IT (59 Prozent), gefolgt von Produktion (49 Prozent) und Sales & Marketing (47 Prozent). Überraschender Nachholbedarf besteht in den Bereichen Finanzen und Controlling (35 Prozent). Überraschend deshalb, da hier Daten und Prozesse bereits in hohem Maße digital vorliegen, die Firmen diese jedoch offensichtlich noch nicht für die Wertschöpfung nutzen.

In der Bewertung der Wertschöpfung durch die Digitalisierung gibt es zwischen Business und IT allerdings deutliche Unterschiede. IT-Abteilung, Sales & Marketing sowie Forschung & Entwicklung werden von IT und Business in etwa gleich wahrgenommen, Produktion/Operations leistet aus Sicht der IT 8 Prozent mehr Wertschöpfung. Die Fachabteilungen weisen Finanzen & Controlling (+ 17 Prozent) sowie HR (+ 15 Prozent) eine deutliche höhere Wertschöpfung durch Digitalisierung bei als die IT. Die klassische Prozessdigitalisierung und -automatisierung/RPA und Analytics erzielen den höchsten Nutzen in der Digitalisierung. Datenbezogene und komplexere Wertschöpfungen wie KI und Machine Learning werden in Zukunft großen Nutzen bringen, sind aktuell aber noch von untergeordneter Bedeutung.

Das heißt: Unternehmen fokussieren sich beim Nutzen der Digitalisierung heute noch zu stark auf die IT-in ihrer Unternehmensfunktion sowie auf Basistechnologien wie Prozess-Automatisierung/RPA. Kernbereiche im Unternehmen wie Sales und Finance sind noch zu wenig adressiert. Horváth rät Firmen daher dringend, die Wertschöpfung der Digitalisierung systematisch nach Kriterien wie Kundenerfordernissen, Qualität oder Transparenz zu bewerten, um Wettbewerbsnachteile zu vermeiden. So lässt sich beispielsweise die kaufmännische Abwicklung eines Prozesses als Teil der Wertschöpfung am Kunden sehen, wenn sie reibungslos und korrekt abläuft.

Natürlich müssen sich auch die IT-Abteilungen selbst im Rahmen der digitalen Transformation ständig an neue interne und externe Herausforderungen anpassen. Daher untersuchte Horváth in der aktuellen Studie auch die Ausprägung der IT-Strategie sowie den Aufbau der IT-Organisation.

Die meisten Unternehmen (78 Prozent) leiten ihre IT-Strategie aus der Geschäftsstrategie ab, überprüfen sie regelmäßig und erschließen daraus digitale Handlungsfelder für die IT. Am schwächsten sind die Überführung in eine Implementierungs-Roadmap ausgeprägt sowie die Ableitung von Teilstrategien zu Enterprise Application Management, Cloud und Applikationen. Die Erarbeitung dieser Teilstrategien ist grundsätzlich notwendig, damit die IT ihr Potenzial voll ausschöpfen kann.

Darüber hinaus nimmt künftig der Stellenwert von agilen und produktorientierten Organisationsmodellen für die IT zu. Die Studie zeigt, dass die aktuell dominierenden klassischen Plan-Build-Run-Modelle (minus 24 Prozent) und Run-Change-Modelle (minus 11 Prozent) abnehmen und moderne Organisationsformen wie DevOps oder produktorientierte End-to-End-Teams zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Agile Modelle für die Zusammenarbeit zwischen IT und Business werden sich in den Folgejahren weiter etablieren. Die IT rückt näher an das Business. Das Spielfeld der agilen Formen reicht von der Etablierung einzelner virtueller Teams, parallel zur klassischen Aufstellung, bis hin zur vollständigen Auflösung der Bereiche in Business und IT und der Bildung von produktorientierten End-To-End-Teams. Wichtig für eine erfolgreiche Implementierung: Die IT und die Fachabteilungen müssen ihre Erwartungen an die Zusammenarbeit klar fassen und regeln, Unternehmen müssen die Steuerung, Rollen und Prozesse an diese Organisationsformen passen.

https://www.cio.de/a/die-it-steuert-die-digitalisierung,3692819

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