Rechenzentren vor dem Aus?

Rechenzentren (RZ) machen einen großen Teil des Rückgrats der Digitalisierung aus, die u.a. wiederum Treiber des Klimaschutzes ist. Eine Bitkom-Studie aus 2021 zeigt, dass Digitalisierung in Deutschland bis zu 34 Prozent zum deutschen Klimaziel 2030 beitragen kann. Das Thema ist also für RZ-Betreiber nicht neu. Vielerorts werden bereits Maßnahmen umgesetzt, die für mehr Nachhaltigkeit sorgen und z.B. den Treibhausgasemissionen entgegenwirken sollen. So zeigt die Umfrage „Rechenzentren in Deutschland“ des Bitkom, dass sich einige der befragten RZ-Betreiber z.B. bereits Gedanken um eine bessere Abwärmenutzung machen. Vor dem Aus stehen RZ also nicht.

Doch stellen diverse Krisen wie zunehmende Extremwetterereignisse und der Ukraine-Krieg sowie die daraus folgenden gestiegenen Energiepreise auch Datacenter vor Herausforderungen. „Die nun deutlich höheren Strompreise sind nicht nur in Deutschland ein Problem, sondern betreffen auch viele andere europäische Länder. Dennoch sind gerade in Nordeuropa erneuerbare Energiequellen wie Wasserkraftwerke so gut etabliert, dass der gesamte Energiebedarf damit zu größeren Teilen abgedeckt werden kann als in Deutschland“, weiß Jerome Evans, Gründer und Geschäftsführer der Firstcolo GmbH.

Gefährdete Existenz

Aus diesem Grund mutmaßt der IT-Experte, dass Unternehmen, die den Standort Deutschland nicht zwingend benötigen, stattdessen kurz- oder mittelfristig ins EU-Ausland abwandern werden. Die Folge: „Ein Umsatzverlust für deutsche Rechenzentrumsbetreiber.“ In Verbindung mit den höheren Gesamtbetriebskosten ergebe sich eine zunehmend schlechte Wirtschaftslage, die die Existenz deutscher RZ und damit einhergehend der Digitallandschaft gefährde.

„Rechenzentren als Fundament der Digitalisierung sind essenziell für den Betrieb verschiedener (system-)kritischer Einrichtungen und Anwendungen, wie etwa Krankenhäuser, Universitäten, Flughäfen oder Online-Banking-Anbieter“, sagt Jens-Peter Feidner, Managing Director Equinix Germany. Steigende Energiepreise hätten daher auch Auswirkungen auf weitere Einrichtungen und Unternehmen, die von Bürgern tagtäglich genutzt werden. „Die Abwärme, die Rechenzentren produzieren, könnten gezielter in die städtische Infrastruktur eingegliedert werden und so zur Abfederung der Energiekrise beitragen“, schlägt er vor. Dafür müsse jedoch die Infrastruktur angepasst oder geschaffen werden. Laut einer Umfrage des Borderstep Instituts gaben 40 Prozent der RZ-Betreiber an, dass sie ihre Abwärme teilweise nutzen. „Doch der unzureichende Ausbau des Fernwärmenetzes bleibt eine Herausforderung.“

Führende Betreiber würden auf Innovationen in Kernbereichen setzen, um Fortschritte zu gewährleisten. Gleichzeitig würden sie Unternehmen dabei helfen, ihre digitale Infrastruktur nachhaltig zu gestalten. „Wir sind bereits seit vielen Jahren bemüht, unseren Energieverbrauch fortgehend zu optimieren. Wir sehen aber insbesondere bei kleineren, unternehmenseigenen Rechenzentren Modernisierungsbedarf“, erklärt Feidner. Oftmals seien diese noch mit veralteter Technik ausgestattet. Im Vergleich zu Colocation-Rechenzentren seien sie ohnehin weniger nachhaltig, weshalb es für viele Unternehmen lohnenswert sei, sich in neutralen Rechenzentren in den großen digitalen Ökosystemen mit Partnern zu vernetzen.

Evans sieht Deutschlands Datacenter gut aufgestellt, was das Thema „Nachhaltigkeit“ angeht: „Viele deutsche RZ agieren bereits weitestgehend nachhaltig und beziehen Strom primär aus erneuerbaren Energien“, berichtet er. Gerade weil Serverhardware für neue Technologien wie Blockchain und Künstliche Intelligenz aber immer leistungsstärker werden müsse, stehe dieser höhere Energieverbrauch in einem Kontrast zu dem energieeffizienten Betrieb von RZ. Neben der Nutzung von Ökostrom zähle, wie effektiv die zugeführte Energie verbraucht werde. „In der Branche nennt man dieses Mengenverhältnis zwischen Energieverbrauch und -aufnahme den Wert der ‚Power Usage Effectiveness‘ oder kurz PUE. Hierbei gilt: Je kleiner der PUE-Wert, desto besser ist die Energiebilanz“, erläutert der Experte. Gerade in diesem Bereich hätten einige Betreiber noch Optimierungspotenzial.

Bleibt die Frage: Wann ist es besser, ein Datacenter komplett neu zu bauen, statt es zu modernisieren? „Wenn Bestandsrechenzentren der Kunden den erhöhten Verfügbarkeits-, Energiemanagement- und Nachhaltigkeitsanforderungen nicht mehr gerecht werden, sind die Alternativen entweder ein Neubau oder die Auslagerung des IT-Betriebs in ein Colocation-/Housing-Rechenzentrum. Letzteres stellt durch die Skaleneffekte die nachhaltigere Variante dar“, erklärt Gabriel Willigens, Leiter der Business Unit Data LogistIX bei Itenos. Es sei jedoch schwierig, eine pauschal gültige Aussage zu treffen, da nicht nur der Standort und die dazu benötigte Infrastruktur beurteilt werden müssten. Vielmehr seien die IT-Architektur und die daraus resultierende IT-Landschaft des Kunden sowie die daraus entstehenden neuen Anforderungen an die Konnektivität zu deren Partnern, Kunden und zu den Clouds zu berücksichtigen.

Neubau – ja oder nein?

„Die Auslastung bestehender Rechenzentren oder eine Expansion in weitere nationale oder internationale Standorte und damit Nähe zu der jeweiligen Klientel oder wichtigen Internetknotenpunkten sind starke Treiber für einen Neubau“, betont auch Evans. Aber: „Wenn ausschließlich das Thema der Nachhaltigkeit betrachtet wird, ist der Bau eines neuen Rechenzentrums vermutlich nie die strategisch und unternehmerisch richtige Wahl.“ Gerade in bestehenden RZ gebe es oft ein hohes Optimierungspotenzial im Bereich „Energieeffizienz“, was allein durch die Modernisierung von Klimageräten zu einem großen Teil ausgeschöpft werden könne. Auch nehme der Faktor „Greenfield“ vs. „Brownfield“ – also ob ein gänzlich neues RZ gebaut oder ein bestehendes Gebäude wie eine Fabrik umfunktioniert wird – starken Einfluss auf die Möglichkeiten.

Ein weiterer wichtiger Punkt, vor allem was die physische Sicherheit angeht, ist eine angemessene Security-Technik. Ein großes Risiko sind u.a. Brände. „Je nach geografischer Lage stellen aber auch Naturkatastrophen wie Erdbeben Gefahren für den fortlaufenden Betrieb dar“, weiß Jerome Evans. Zudem müssten die Flächen vor Übergriffen wie Diebstahl und Vandalismus geschützt werden. Dies geschieht in der Regel durch mehrstufige und oft biometrische Zugangskontrollen der Flächen. Gerade in Zeiten der DSGVO stehe neben der physischen Sicherheit aber vor allem der Schutz von Unternehmensdaten im Vordergrund. „Cyberangriffe sind eines der größten Risiken für beinahe alle Unternehmen, so auch für Rechenzentren“, hebt er hervor. Diese Angriffe zielten beinahe immer darauf ab, Daten zu stehlen oder bis auf Weiteres unbrauchbar zu machen.

„Die Branche ist sich bewusst, wie gefährlich Datenverletzungen für Unternehmen sind. Rechenzentren spielen eine entscheidende Rolle beim Schutz davor“, betont Jens-Peter Feidner. Für die Umsetzung einer erfolgreichen Sicherheitsstrategie, die sowohl physische als auch die Cyber-Elemente umfasst, sei es daher unerlässlich, eine durchgängige Richtlinienkontrolle und -transparenz zu erreichen – und zwar von der Zentrale des Unternehmens bis hin zur „Digital Edge“. Die Vorbereitung auf mögliche Angriffe sei Schlüssel zur Gewährleistung der Netzwerkresilienz. „Die schnelle Reaktion auf Angriffe ist aber ebenso wichtig.“ Eine verteilte Infrastruktur erhöhe die Ausfallsicherheit und Flexibilität im Vergleich zu zentralisierten Speichermodellen in unternehmenseigenen Rechenzentren.

Die Angriffsfläche „Mensch“

Ein nicht zu unterschätzender Punkt ist laut Jerome Evans auch die Angriffsfläche „Mensch“: Heutzutage zielten die meisten Cyberangriffe darauf ab, durch Täuschungen oder Social Engineering Mitarbeiter dazu zu bewegen, wertvolle Informationen preiszugeben. „Gängige Beispiele sind sogenannte Phishing-E-Mails, bei denen Personen in der angegriffenen Organisation dazu gebracht werden, auf Hyperlinks innerhalb der E-Mail zu klicken.“ Der Angreifer hat den Hyperlink dann so präpariert, dass durch den Klick ein Eindringen in die Digitallandschaft der Organisation möglich ist. „Einmal eingedrungen können von dort Daten gestohlen oder weitere Angriffe vorbereitet werden. Es ist deshalb unerlässlich, die Mitarbeiter über solche Fälle zu schulen und etwaige Konsequenzen zu beleuchten“, betont er.

Und nicht nur das: Es müssen auch genügend Mitarbeiter da sein, um sie zu schulen. Denn der Fachkräftemangel, der seit Jahren ein Sorgenkind in vielen Unternehmen ist, trifft auch Datacenter. „Wir sehen bei Neueinstellungen eine angespannte Situation am Arbeitsmarkt“, bekräftigt Gabriel Willigens. Generell seien RZ allerdings zukunftssichere und vielfältige Arbeitsplätze, sowohl für Berufseinsteiger als auch für erfahrene IT-Kräfte.

Dennoch: „Laut unserer jährlichen Umfrage zu globalen Technologietrends 2022 betrachten 54 Prozent der deutschen IT-Entscheider den Mangel an IT-Fachkräften als eine zentrale Gefahr für ihr Unternehmen“, sagt Feidner. Die häufigsten Probleme in Deutschland, die jeweils von mehr als 40 Prozent der Befragten genannt wurden, waren Bewerbungen auf Stellen trotz falscher Qualifikationen (47 Prozent) sowie die Schwierigkeit, gutes Personal an das Unternehmen zu binden (43 Prozent). „Unternehmen müssen Wege finden, dieser Entwicklung entgegenzuwirken, um mit der Nachfrage und der rasanten Beschleunigung der Digitalisierung mithalten zu können“, hebt er hervor. Das Wohlbefinden und die mentale Gesundheit am Arbeitsplatz spielten insbesondere für die Bindung von Mitarbeitern eine entscheidende Rolle. Diese Entwicklung werde vor allem von der jungen Generation vorangetrieben, für die Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion nicht mehr nur ein „nice to have“ seien.

Es sei wichtiger denn je, das „Employer Branding“ zu optimieren und den Fokus als Anbieter stärker auf HR-Exzellenz und damit auf das Wohl der Mitarbeiter zu legen – da ist sich auch Jerome Evans sicher. Er befürchtet: „Da zunehmend weniger Fachkräfte für die ausgeschriebenen Stellen nachrücken, wird sich die Lage in den nächsten Jahren noch verschlimmern.“

Innovationen sind gefragt

Dass RZ trotz aller Probleme auch in Zukunft Kernbestandteil der IT-Landschaft bleiben und ihre Bedeutung gar weltweit zunehmen wird, da sind sich die Experten einig. „Und genau aus diesem Grund ist es so wichtig, langfristig zu denken – damit wir nachhaltige Lösungen schaffen“, betont Willigens. Um mit sich schnell entwickelnden Technologien Schritt zu halten, braucht es laut Evans zudem ein dediziertes Team. Gerade in Deutschland blieben auch die steigenden Energiekosten ein großes Thema, das es anzugehen gelte. Er empfiehlt: „Da Energieeffizienz bei großen Rechenzentren und Hyperscalern einen hohen Stellenwert hat, ist in diesem Fall die Auslagerung der IT-Infrastruktur oftmals wirtschaftlicher als der Betrieb in den eigenen Flächen.“

Die zunehmende Bedeutung von RZ heißt auch, dass Innovationen folgen müssen, um den Betrieb so effizient wie möglich zu gestalten – davon ist Feidner überzeugt. „Die Zukunft wird digital, doch wir müssen daran arbeiten, dass die Zukunft lebenswert bleibt.“

Bildquelle: Getty Images / iStock / Getty Images Plus

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