Developer-Entwicklung: Werden Sie doch Multi-Cloud-Entwickler!

Multi-Cloud steht bei Unternehmen hoch im Kurs. Entsprechend gesucht sind Entwickler mit den richtigen Skills.


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Für viele Unternehmen ist heute eine Multi-Cloud-Strategie der richtige Weg: Sie nutzen mehrere Cloud-Services verschiedener Anbieter, um Infrastrukturen aufzubauen, die Datenverarbeitung, Speicherung, Entwicklung und andere Bereiche der IT unterstützen.

Dieser Trend dürfte noch einige Zeit anhalten, wie ein Blick in eine aktuelle Studie von Grand View Research zeigt: Der globale Markt für Multi-Cloud-Management-Systeme soll demnach zwischen 2022 und 2030 um 28 Prozent wachsen. Dafür machen die Studienautoren die zunehmende Bedeutung von Automatisierung, Effizienz und effektiven Governance-Prozessen verantwortlich. Weitere Gründe für das erwartete Wachstum sehen die Marktforscher in der zunehmenden Vielseitigkeit von Cloud-Computing-Technologien sowie in der steigenden Verbreitung von Microservices und Cloud-Native-Applikationen.

Multi-Cloud kann eine Vielzahl von Cloud-Assets umfassen, die in verschiedenen Hosting-Umgebungen genutzt werden – egal, ob in Public Clouds, Private Clouds oder einer hybriden Umgebung. Unabhängig von der Konfiguration ist das Multi-Cloud-Konzept in aller Munde. Folglich steigt auch die Nachfrage nach Entwicklern, die über Erfahrungen und Skills in diesem Bereich verfügen.

“Multi-Cloud-Kenntnisse werden für Entwickler, Architekten und sogar technische Manager immer wichtiger, weil immer mehr Unternehmen Multi-Cloud-Strategien einführen”, konstatiert Kamesh Ganesan, leitender Multi-Cloud-Architekt bei Oracle.

Die Unternehmen entschieden sich dabei aus verschiedenen Gründen für Multi-Cloud, so Ganesan: “Für einige sind es vielleicht gesetzliche Vorgaben, beziehungsweise Compliance-Vorschriften, die festlegen, dass bestimmte Daten nur an spezifischen Orten gespeichert werden dürfen. Für andere kann es darum gehen, die Bindung an einen bestimmten Anbieter zu vermeiden. Und wieder andere wollen vielleicht die Funktionen und Vorteile von Services in verschiedenen Clouds nutzen.”

Nick Kolakowski, Senior Editor beim Karrieremarktplatz Dice, weiß, wie Entwickler sich das zunutze machen können: “Microsoft Azure, Amazon Web Services und Google Cloud Platform zu beherrschen, und gleichzeitig mit den Offerings anderer Unternehmen wie Oracle vertraut zu sein, stellt sicher, dass Technologieexperten effektiv zwischen Jobs und Verträgen wechseln können.”

Allerdings klaffe eine erhebliche Lücke zwischen der Akzeptanz der Cloud in Unternehmen und den Cloud-basierten Skills der Technologieexperten, meint Kolakowski. Er untermauert sein Statement mit dem IBM-Report “Transformation Index: State of Cloud“. Demnach verfügen 69 Prozent der Umfrageteilnehmer nicht über Cloud-Know-how, obwohl 71 Prozent der Unternehmen planen, neue Stellen im Bereich Cloud zu schaffen.

  1. Mohammad Reza Gashtil, adesso
    „Multi-Cloud-Umgebungen sind heute so komplex und vielschichtig, dass sie sich nicht selten über mehrere große Plattformen hinweg erstrecken. Für eine moderne Interpretation der DevSecOps gilt: You built it, you run it. Eine nahtlose und sichere Verzahnung zwischen Dev und Ops ist dafür essenziell. Die Praktiken, Werkzeuge, Architekturen und Sicherheit für eine Cloud-Native-App müssen nun in einer Multi-Cloud-Umgebung adressiert werden. Teilweise herrschen andere Prämissen in einer Multi-Cloud-Umgebung, welche ein Umdenken erfordert. <br /><br /> Um die End-zu-End Sicherheit einer Multi-Cloud-App gewährleisten zu können, wird hybrides Netzwerk ein Erfordernis. Für ein erfolgreiches Multi-Cloud-Management nimmt Automatisierung eine zentrale Stellung ein. Die selbstheilenden (Self-Healing) IT-Systeme, welche fehlertolerant und hochverfügbar betrieben werden, hat das Cloud Computing versprochen und geliefert. Auch das Monitoring und die Behebung der Schwachstellen folgen dieser Entwicklung. Die sogenannten Detection- & Response-Prozesse werden weitgehend KI-gestützt sein, weil Menschen oft gar nicht mehr in der Lage sind, auf eine Schwachstelle zu reagieren.<br /><br /> Das ‚Everything as Code‘-Leitbild erweitert die bereits etablierter ‚Infrastructure as Code‘ (IaC) um weitere Paradigmen, wie bespielsweise Security. Im Falle vom Governance sprechen wir von ‚Policy as Code‘.“
  2. Dr. Stephan Michard, Dell Technologies
    „Das Mantra ‚Cloud first‘ ändert sich gerade hin zu ‚Application first‘. Die gegenwärtige Multi-Cloud-Nutzung ist bei vielen Unternehmen mit der Zeit zufällig gewachsen, das bringt oftmals einen gewissen Grad an Komplexität mit sich. Gleichzeitig entstehen jedoch auch viele neue Chancen. Wir müssen in der Diskussion an einen Punkt kommen, an dem Multi-Cloud-Management strategisch, an den Unternehmenszielen ausgerichtet, eingesetzt wird. Allein beim Beispiel Google Cloud fallen mir ad hoc fünf Möglichkeiten ein, Container zu hosten. Eine gute Strategie berücksichtigt diese Optionen.<br /><br />Am Anfang gilt es, im Rahmen eines Application Assessments zu beantworten, welche Applikation zu welcher Landing Zone passt. Dann erst kann entschieden werden, ob es Sinn ergibt, eine Applikation mittels Lift-and-Shift in einer Cloud-Umgebung zu betreiben, oder ob ein Refactoring vielleicht der bessere Ansatz ist.“
  3. Andreas Kopf, microfin
    „Bei Nutzung von Cloud-Services ist die IT der zwei Geschwindigkeiten besonders spürbar. Bei Datenschutz und Compliance stehen kleinere Unternehmen vor großen Herausforderungen, die sie nicht ohne weiteres allein meistern können.<br /><br /> Statt Multi-Cloud trifft es vielleicht der Begriff “Multi-Provider” besser. Unternehmen müssen einen ganzen Zoo an Anbietern inkl. der eigenen IT orchestrieren können, wenn sie die Potenziale wirklich nutzen wollen.<br /> Am Ende bekommt man immer den Provider, den man verdient. Als kleines Unternehmen kann es schwer sein, alleine mit Hyperscalern zu verhandeln. Der Markt für Managed Services ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen und es lohnt sich, Partner zu suchen, die die Vielzahl an Providern entsprechend steuern können.<br /> Die Steuerungs- und Compliance-Ebene ändert sich in einem Multi-Cloud-Umfeld kontinuierlich. Dieser Umstand sollte auch in SLA und Verträgen reflektiert sein, um nicht ständig neu verhandeln zu müssen. Dafür braucht es Augenhöhe und Vertrauen zwischen Provider und Kunde.“
  4. Stefan Walter, minnosphere, ein Mitglied der msg-Gruppe
    „Lift-and-Shift-Szenarien haben in den vergangenen Jahren zugenommen. In der Praxis sind immer noch sehr viele Unternehmen dahingehend gezwungen, neben einer Standard SaaS-Anwendung auch weiterhin ihre eigene Private Cloud zu betreiben. Multi-Cloud bleibt damit auch in Zukunft eine Notwendigkeit.<br /><br /> Der Zuschnitt meiner IT-Infrastruktur ist nicht nur ein Sicherheits- oder Betriebsthema, sondern rührt auch an die Identität eines Unternehmens. Anwendungen und Systeme müssen letztlich auch zur Unternehmenskultur passen.<br /> Aus Sicht des ‚Innovators‘ gesprochen: Es muss auch in hochregulierten Branchen möglich sein, schnell einen Prototypen hochzuziehen und Neues auszuprobieren, trotzdem aber beim Datenschutz auf der sicheren Seite zu sein.“
  5. Florian Weigmann, plusserver
    „Die Abrechnungsmodelle der Hyperscaler sind oft sehr komplex, sodass sie ohne Erfahrung nur schwer zu verstehen sind.<br /><br /> Applikation ist nicht gleich Applikation. Startups müssen sich zum Beispiel keine Gedanken über Altsoftware machen und können sofort auf DevOps setzen. Sie profitieren gleich von einer schlankeren Architektur mit erleichtertem Betrieb. Doch so ein ‚Big Bang‘ ist bei ‚gewachsenen‘ Unternehmen illusorisch. Der Monolith bleibt auch nach der Migration ein Monolith.<br /><br /> Wunsch und Ziel einer Multi Cloud ist schlicht, sich nicht mehr um die eigene Infrastruktur kümmern zu müssen. Die Komplexität ‚unter der Haube‘ sollte an der Oberfläche in Einfachheit umgemünzt werden. Workloads werden dorthin verlagert, wo sie den größten Benefit bringen.“
  6. Bernd Gill, Rackspace
    „Wenn ein Kunde aus dem klassischen Outsourcing kommt, fehlen meistens Skills und Ressourcen, um den Betrieb selbst sicherzustellen. Insourcing wird bei Multi-Cloud so zum unternehmenskritischen Thema und erfordert die Ausbildung der eigenen IT als Teil des Transformationsprojektes.<br /><br /> Hyperscaler liefern hochstandardisierte Services. Um daraus überhaupt vernünftige Business Cases zu schöpfen braucht es Dienstleister, die die Lücke zwischen Standardtechnologie und Customizing schließen. Nur so wird die Public Cloud auch zum ‚Business Enabler‘.<br /><br /> Als Berater müssen wir die gesamte Organisation unserer Kunden mit auf die Reise nehmen. Schließlich geht es darum, alle Workloads so zu transformieren, dass sie in der Cloud zukunftsfähig werden. Dazu gehört: Aufräumen mit Altlasten, Hinzufügen neuer Funktionalitätsbausteine, Anbindung von neuen Technologien und Services wie künstlicher Intelligenz.“
  7. Nicholas Hamblin, Tietoevry
    „Es beginnt doch schon bei der Zielsetzung. Betreibe ich eine Multi-Cloud, um einen Vendor-Lock-In zu vermeiden, oder geht es darum, zusätzliche Prozesse an eine bestehende Infrastruktur anzudocken? <br />Hauptimpuls für eine bestimmte Cloud-Strategie ist fast immer ein konkreter Use Case, der die Entscheidung für oder gegen Automatisierung, Kubernetes oder die Wahl eines Hyperscalers bedingt.<br /><br />In Multi-Cloud-Szenarien steigt die Gefahr, dass die Governance unter die Räder kommt – zum Beispiel in Form mehrfach gebuchter Subscriptions oder unnötiger Workloads. Das alles verursacht Kosten- und Sicherheitsrisiken. Es ist also wichtig, Security, Access Control und alle anderen Governance-Belange in meiner Multi-Cloud-Strategie von Anfang an mitzudenken.“

Es gibt mehrere Wege, sich als Multi-Cloud-Developer zu positionieren. Kolokowski zeigt die Möglichkeiten auf: “Einige Technologieexperten entscheiden sich für das Selbststudium und bilden sich mithilfe von Dokumentationen und Tutorials weiter. Andere entscheiden sich für formelle Online- oder Präsenzkurse, die von den führenden Cloud-Service-Anbietern angeboten werden.”

Es empfiehlt sich in jedem Fall, so viele Informationen wie möglich über die Entwicklung für verschiedene Cloud-Umgebungen zu sammeln. “Sobald jemand ein Experte ist oder zumindest eine solide Basis in einer einzelnen Cloud wie AWS, Azure oder Google Cloud Platform vorweisen kann, ist es relativ einfach, sich mit den anderen Cloud-Diensten vertraut zu machen”, meint Ganesan.

Zertifizierungen zu erwerben, ist ein weiterer Weg, sich eine Chance als Multi-Cloud-Entwickler zu schaffen. Die drei großen Cloud-Anbieter verfügen über einen jeweils eigenen Zertifizierungspfad, der ein tiefgreifendes Verständnis der jeweils verfügbaren Services voraussetzt. Masaf Dawood, Director of Application Services and Modernization beim Karrieredienstleister Toptal, weiß, worauf es ankommt: “Als Entwickler sollten Sie nicht nur das Serviceangebot verstehen, sondern auch die Anwendung und wie, wann und wo man sie einsetzt. Coursera, Udemy und andere Online-Sites bieten Schulungs- und Zertifizierungsmöglichkeiten an. Alle Cloud-Anbieter offerieren einige gemeinsame Basisdienste , die einander sehr ähnlich sind, aber sie verzweigen sich auch und bieten einzigartige Dienste mit ihren eigenen Abhängigkeiten, um sich auf dem Markt zu differenzieren und Kunden anzuziehen.”

Laut Kolakowski sind wichtige Zertifizierungen für Multi-Cloud-Entwickler unerlässlich: “Viele Personalvermittler und Personalverantwortliche verlangen von Kandidaten Cloud-basierte Zertifizierungen. Mit der Weiterentwicklung der Cloud-Plattformen hat sich auch die Zahl der offiziellen Zertifizierungen erhöht. Aber der Besitz von Kernzertifizierungen ermöglicht es Bewerbern, sich in einem umkämpften Einstellungsumfeld abzuheben.”

Laut Dice gehören zu den wichtigsten Cloud-bezogenen Zertifizierungen:

“Die Cloud-Branche entwickelt sich ebenfalls rasant. Wer Multi-Cloud-Entwickler werden will, muss sich dazu verpflichten, ständig neue Technologien und Disziplinen wie Automatisierung zu erlernen, die die Konturen des Berufs in den kommenden Jahren schnell verändern werden”, ist Kolakowski überzeugt und fügt hinzu: “Das kommt zum Erlernen der ‘Kern’-Fähigkeiten und -Sprachen wie Python, Java und den Prinzipien der Softwareentwicklung hinzu.”

Unabhängig davon, welchen Ansatz Entwickler wählen, um neue Cloud-Skills zu erlangen: Es besteht kein Zweifel daran, dass Fachleute mit Kenntnissen im Bereich Multi-Cloud-Entwicklung für Unternehmen auf absehbare Zeit zu einem wertvoller Aktivposten werden. (fm)

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel unserer US-Schwesterpublikation Infoworld.

https://www.computerwoche.de/a/werden-sie-doch-multi-cloud-entwickler,3613629

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