Kreativität mit technischer Expertise verbinden

ITD: Herr Werner, laut einer aktuellen Bitkom-Studie hat das Geschäftsklima in der deutschen Digitalbranche zum Jahresbeginn wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht. Wie stellt sich der Markt angesichts der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Ihr Unternehmen dar?
Christian Werner: Im Kern kann ich das Umfrageergebnis bestätigen. Um es richtig zu interpretieren, muss man allerdings die derzeitige Situation am Markt differenziert betrachten. Als IT-Dienstleister verzeichnet Logicalis eine stark steigende Nachfrage, sowohl nach IT-Lösungen als auch nach Managed Services. Hinsichtlich der Hardware wird die hohe Nachfrage teilweise auch durch die weltweite Chipkrise befeuert. Aufgrund der zu erwartenden langen Lieferzeiten gibt es Pull-in-Effekte, d.h. es werden jetzt bereits Bestellungen für Produkte getätigt, die erst in sechs oder neun Monaten benötigt werden. Anders stellt sich die Situation bei den Managed Services dar. Immer mehr Kunden planen die Auslagerung von IT-Leistungen und Workloads, beispielsweise auf Cloud-Plattformen. Die Unternehmen gehen dabei meist sehr strukturiert vor und setzen klare Prioritäten. Die Ursache für diese Entwicklung liegt allerdings nicht nur im Wunsch nach steigender Digitalisierung, um Geschäftsprozesse effizienter und transparenter zu gestalten. Ein weiterer Auslöser für die Einbeziehung von IT-Dienstleistern ist vielfach die Erkenntnis, dass für die anstehenden Aufgaben – beispielsweise die Umgestaltung der Arbeitswelt hin zu mehr Homeoffice-Arbeitsplätzen oder den Schutz vor Hackerattacken – einfach nicht genügend eigenes IT-Fachpersonal vorhanden ist.

ITD: Wie ernst ist die Personalsituation?
Werner: Der Mangel an IT-Experten ist teilweise gravierend. Ich kenne Unternehmen, bei denen sich in absehbarer Zeit bis zu 70 Prozent ihrer IT-Mitarbeiter in den Ruhestand verabschieden werden. Ein derartiger personeller Umbruch stellt Firmen vor enorme Herausforderungen, insbesondere wenn es nicht nur darum geht, bestehende Prozesse aufrecht zu erhalten, sondern Prozesse effektiver und kundenfreundlicher zu gestalten. Der Rückgriff auf das Managed-Service-Angebot externer Dienstleister ist für die Betroffenen ebenso unverzichtbar wie die personalsparende konsequente Automatisierung ihrer eigenen Netzwerk- und Datacenter-Infrastrukturen.

ITD: Wie stellt Logicalis sicher, über genügend eigene hochqualifizierte IT-Experten zu verfügen?
Werner: Nicht zuletzt aufgrund der demografischen Entwicklung in Deutschland hat die Aus- und Weiterbildung unserer Mitarbeiter hierzulande einen sehr hohen Stellenwert. In Relation zu unserer Unternehmensgröße stehen uns dafür vergleichsweise hohe finanzielle Ressourcen zur Verfügung. Aktuell planen wir den Aufbau einer eigenen IT-Akademie. Darüber hinaus bemühen wir uns, mit einer Vielzahl von Maßnahmen und Angeboten ein attraktiver Arbeitgeber zu sein, bei dem Mitarbeiter gerne und über viele Jahre tätig sind. So haben wir beispielsweise die Charta der Vielfalt unterzeichnet. Dabei handelt es sich um eine 2006 veröffentlichte Selbstverpflichtung und einen Verein, der sich für ein vorurteilsfreies Arbeitsumfeld einsetzt. Mit der Unterzeichnung der Charta der Vielfalt erklären Arbeitgeber, dass sie Chancengleichheit für alle ihre Beschäftigten herstellen bzw. fördern werden. Wir investieren in die Qualifikation unserer Führungskräfte sowie Mitarbeiter und führen in Kürze sogenannte Karrierebänder ein, in denen für jeden Mitarbeiter transparent berufliche Perspektiven aufgezeigt werden. 

Parallel führen wir regelmäßig Umfragen bei den Mitarbeitern durch, um aktuell über die „Stimmungslage“ im Unternehmen informiert zu sein. Im Zuge der Corona-Pandemie haben wir darüber hinaus ein Employee Assistant Program (EAP) implementiert. Hier erhalten unsere Beschäftigten rund um die Uhr kostenlos – und auf Wunsch anonym – Beratung und Unterstützung bei gesundheitlichen, finanziellen oder familiären Problemen bis hin zu Auskünften zu rechtlichen Themen. 

ITD: Wie ist Ihr Unternehmen in Deutschland strukturiert und welche Rolle spielt die Logicalis Group Deutschland innerhalb des Gesamtkonzerns?
Werner: In Deutschland ist die Logicalis GmbH mit über 380 Mitarbeitern an den Standorten Frankfurt a.M., Berlin, Köln, München und Stuttgart präsent. Zur Gruppe in Deutschland gehören neben der Logicalis GmbH, die orange networks GmbH, die siticom GmbH sowie die ituma GmbH. Die Logicalis Group hat ihr Hauptquartier in London und ist weltweit aktiv. Europa hat einen Umsatzanteil von etwa 30 Prozent, wobei ein nicht unerheblicher Teil in Deutschland erwirtschaftet wird. Wir bereichern den Konzern darüber hinaus, indem wir innovative Technologiethemen aktiv vorantreiben.

ITD: Ihr Unternehmensleitsatz lautet: „Architects of Change“. Was kennzeichnet Ihre Methodik und was unterscheidet sie von den Vorgehensweisen anderer IT-Dienstleister?
Werner: Als IT-Dienstleister unterstützen wir Unternehmen bei ihren Digitalisierungsvorhaben, angefangen bei Cloud, über Security, Datacenter und Datenbanken bis hin zu IoT und 5G. Unser erklärtes Ziel ist es, mit Kreativität und technischer Expertise den digitalen Wandel beim Kunden innovativ voranzutreiben. Was uns dazu qualifiziert, ist die Tatsache, dass wir uns mit modernen Networking- und Datacenter-Technologien genauso gut auskennen wie mit Managed Services und der Auslagerung von Daten an Service-Provider. Wir besitzen Zertifizierungen namhafter IT-Anbieter wie Cisco, Netapp, Oracle oder Dell/EMC und haben kürzlich den Status eines Microsoft Cloud Solution Provider (CSP) erlangt, der es uns ermöglicht, unseren Kunden die gesamte Palette an Microsoft-Cloud-Services wie Azure oder Microsoft 365 aus einer Hand anzubieten. Mit diesen weitreichenden Partnerschaften bekommen wir Zugriff auf hochinnovative Technologien, die wir mit unserer Expertise in gesamtheitliche Lösungen übersetzen. Ich denke, diese breite Kompetenz ist ein Faktor, mit dem sich Logicalis von anderen IT-Dienstleistern unterscheidet.

ITD: Neben dem Nachweis technologischer Expertise wird es für IT-Dienstleister immer wichtiger, auch das Business des Kunden und seine teilweise spezifischen Geschäftsprozesse zu verstehen.
Werner: Das ist absolut richtig. Die Ansprüche der Kunden sind deutlich gestiegen. Früher war die IT ein Cost Center, heute ist sie ein gewichtiger Wettbewerbsfaktor. Immer häufiger sind neben den IT-Experten die verantwortlichen Fachbereichsleiter unsere Ansprechpartner. Unternehmen kommen heute nicht mehr mit der Anforderung zu uns, dass wir ihnen ein neues Speichersystem implementieren. Sie erwarten von uns konkrete Vorschläge, wie sie ihre Geschäftsprozesse schneller und flexibler gestalten können oder welche technologischen Maßnahmen dazu beitragen, bestimmte Servicelevel zu erhöhen.

ITD: Das bedeutet, die Notwendigkeit eines digitalen Wandels ist kein Diskussionsthema mehr?
Werner: Die Pandemie hat den notwendigen Bewusstseinswandel und die Erkenntnis, dass Digitalisierung alternativlos ist, massiv beschleunigt. Cloud Computing ist heute der Dreh- und Angelpunkt. Jedes Unternehmen hat inzwischen eine Cloud-Strategie, die in den meisten Fällen auf Hybrid- oder Multi-Cloud-Konzepten basiert. Wir haben für Unternehmen einen speziellen Cloud-Baukasten entwickelt, mit dem der Weg in die Cloud strukturiert beschritten werden kann: die Production Ready Cloud (PRC).

ITD: Welche weiteren Faktoren sollten bei der Konzeption zukunftsorientierter IT-Infrastrukturen beachtet werden?
Werner: In der digitalen Welt sind Geschäftsanwendungen nicht mehr ein einzelnes monolithisches Stück Software, sondern ein zusammenhängendes Ganzes aus interagierenden Systemen und Diensten, von denen viele außerhalb der Kontrolle des eigenen Unternehmens liegen. Unter diesen Umständen ist die Fähigkeit, Probleme innerhalb oder zwischen diesen Komponenten zu überwachen und zu erkennen, von entscheidender Bedeutung. Die von Cisco und uns vorangetriebene Full-Stack Observability erkennt beispielsweise Leistungsengpässe nicht nur innerhalb der eigenen Umgebung, sondern schließt auch die Cloud und Netzwerke ein. Auf diese Weise können auch die heute häufig vorkommenden Hybrid-Cloud-Szenarien berücksichtigt, deren Leistung optimiert und Geschäftskontinuität sichergestellt werden. Im Ergebnis lässt sich so die Digital Experience steigern, was wiederum zur Kundenzufriedenheit beiträgt.

ITD: Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen im Jahr 2022 und welche neuen technologischen Ansätze können Ihre Kunden bei der Bewältigung dieser Aufgaben unterstützen?
Werner: Eine Technologie, die in diesem Jahr ihren Siegeszug fortsetzen und massiv an Bedeutung gewinnen wird, ist Künstliche Intelligenz (KI). Angesichts einer immer komplexer werdenden IT-Welt ist KI ein nahezu perfektes Werkzeug, um Infrastrukturen permanent „besser“ und autonomer zu machen. Wir haben selbst KI in Form einer digitalen Serviceplattform im Einsatz. Sie unterstützt uns dabei, Anomalien zu erkennen, Fehler zu beheben, automatisiert und selbstlernend Verbesserungen durchzuführen und damit Geschäftskontinuität sicherzustellen. Ein zweites Thema, das vielleicht noch nicht so sehr im Licht der Öffentlichkeit steht, in Zukunft allerdings ebenfalls eine hohe Relevanz gewinnen wird, ist 5G. Hier registrieren wir bereits heute einen hohen Bedarf am Aufbau privater 5G-Netze für Unternehmen.

ITD: Über welche Expertise verfügt Ihr Unternehmen in diesem Segment?
Werner: Logicalis hat Mitte des vergangenen Jahres den Netzwerkinfrastruktur- und 5G-Spezialisten siticom übernommen. Dieser ist ein ausgewiesener Experte für Netzwerktransformation und -modernisierung und beschäftigt 130 Mitarbeiter an fünf deutschen Standorten. Das Unternehmen verfügt über Kompetenzen in den Bereichen „Telekommunikation“ und „Software-defined Networks“, die industrielle IoT-Implementierungen und öffentliche sowie private Netzwerke der nächsten Generation ermöglichen. Die Übernahme von siticom befähigt uns dazu, ein EMEA-Kompetenzzentrum für zukunftsweisende 5G-Netzwerke zu etablieren.

Dies ist ein Artikel aus unserer Print-Ausgabe 1-2/2022. Bestellen Sie ein kostenfreies Probe-Abo.

ITD: Zu Ihren Kunden zählen vorrangig große mittelständische Unternehmen sowie das Enterprise-Segment. Können Sie einige Beispiele nennen?
Werner: Stark vertreten sind wir im Bankensektor. Das Spektrum unserer Kunden reicht hier von den großen namhaften Bankhäusern bis zu kleinen Privatbanken. Mit dem Ziel, seine Kundenservices noch effizienter zu gestalten, haben wir z.B. die Privatbank Donner & Reuschel dabei unterstützt, im Rahmen eines größeren Microsoft-365-Migrationsprojekts auf Azure Virtual Desktop zu wechseln. Externen Mitarbeitern wird virtuell ein vollwertiger Arbeitsplatz bereitgestellt, gleichzeitig minimiert sich der Betriebsaufwand für die interne IT – und das bei gleich hoch bleibenden Sicherheitsstandards. Ein weiteres innovatives Projekt haben wir kürzlich für die Verkehrsgesellschaft Frankfurt/Main realisiert. In enger Zusammenarbeit mit Cisco haben wird ein nicht-öffentliches IoT-Netzwerk implementiert, über das mehrere 100 Notrufsäulen und Überwachungskameras rund um die Uhr überwacht und betrieben werden, um die Sicherheit von täglich rund 500.000 Fahrgästen zu gewährleisten. Generell ist es uns wichtig, mit unseren Kunden auf Augenhöhe zu kooperieren. Eine Besonderheit, die viele Kunden schätzen und auch nutzen, ist die globale Präsenz der Logicalis Group. Wir können flexibel und unkompliziert Kontakte zu den jeweiligen Landesgesellschaften herstellen und kompetente lokale Ansprechpartner vermitteln. Darüber hinaus gibt es unter dem Dach der Gruppe dedizierte Teams, die sich mit internationalen Projekten und den damit verbundenen Problemen hinsichtlich Steuer, Zoll, Gewährleistungen, etc. bestens auskennen.

ITD: Welche unternehmerischen Ziele verfolgt Logicalis mittel- und langfristig und welche Technologien werden dabei voraussichtlich eine Schlüsselrolle spielen?
Werner: Auf jeden Fall werden wir unser Angebot an Managed Services sukzessive ausbauen und auch unser Personal in diesem Umfeld aufstocken. Das gilt aktuell bereits für unseren Geschäftsbereich „Global Service Operations (GSO)“, der weltweit Dienstleistungen wie z.B. Cloud-Services erbringt. So stellen wir beispielsweise in Portugal viele neue Mitarbeiter ein. Ebenfalls verstärken werden wir unser Business im Bereich der öffentlichen Verwaltung, wo wir ein sehr großes Potenzial sehen. Wie bereits erwähnt, nimmt natürlich auch 5G in unseren mittel- und langfristigen Planungen einen großen Raum ein. Die Zahl der Lösungsanbieter in diesem Umfeld ist zurzeit noch recht überschaubar. Angesichts des gleichzeitig hohen Interesses, das in vielen Industriebereichen an dieser Technologie besteht, sehen wir hier für Logicalis attraktive Entwicklungschancen. In Gesprächen mit namhaften Anbietern habe ich festgestellt, dass nicht nur Interesse, sondern auch ein breites Basiswissen rund um die Themen „IoT“ und „5G“ vorhanden ist. Das Spektrum zukünftiger Anwendungsfelder ist mannigfaltig. Das gilt nicht nur für die Automobilbranche, wo heute über intelligente Ladesäulen für E-Autos nachgedacht wird, die als Notrufsäulen oder gleichzeitig als Kommunikations- bzw. Infopunkte fungieren können. In all den genannten Segmenten werden wir in den kommenden Jahren vielfältige – und aus heutiger Sicht bestimmt auch überraschende – Innovationen erleben.

Christian Werner

Alter: 52 Jahre
Familienstand: vier Kinder
Werdegang: Nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre begann Werner seine berufliche Laufbahn bei Siemens im Vertrieb. Es folgte eine 16-jährige Tätigkeit in unterschiedlichen Führungspositionen bei Sun Microsystems. Nach der Übernahme durch Oracle war Werner sechs Jahre Mitglied der Geschäftsleitung und des Nordeuropa-Senior-Management-Teams. Seit Januar 2017 verantwortet er das Deutschlandgeschäft der Logicalis Group.
Derzeitige Position: Chief Executive Officer (CEO)
Interessen: Mountainbiking, Golf

Bildquelle: Jörg Ladwig

https://www.it-zoom.de/it-director/e/kreativitaet-mit-technischer-expertise-verbinden-30067/

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