Die digitale Vision verteidigen

Kaum ein IT-Dienstleister dürfte sich so radikal der Digitalen Transformation verschrieben haben wie die Cosmo Consult-Gruppe. Als einer der größten deutschen Microsoft-Partner setzt das Unternehmen aus Berlin darauf, Prozesse und Expertise zu digitalisieren. Wie es dazu kam und was für ihn ein „digitales Mindset“ genau ausmacht, erklärt Uwe Bergmann im Interview.

ITD: Herr Bergmann, was hat sich in Ihrer Branche in den vergangenen Jahren verändert und wie haben Sie die Auswirkungen der jüngsten Krisen erlebt? Wie haben sich die Kundenerwartungen an IT- bzw. Digitalisierungsdienstleister ent-wickelt?

Uwe Bergmann: Die deutlichste Veränderung liegt sicherlich in der Art, wie gearbeitet wird. Das Homeoffice ist gekommen, um zu bleiben. Das hat viele Prozesse verändert: Daten, die vorher physisch am Arbeitsplatz bearbeitet wurden, müssen nun sicher digital vorliegen. Damit hat das Thema „Digitale Infrastruktur“ weiteren Auftrieb bekommen und ist auf der Agenda noch einmal nach oben gerückt. Es ist auch deutlich, dass mehr Unternehmen die IT mittlerweile als Enabler sehen, nicht mehr als notwendigen, aber ungeliebten Kostenfaktor: Sie ermöglicht andere Geschäftsmodelle, neue Vertriebswege, fundierte Informationsgewinnung für vorausschauendes Handeln und eine bessere Nutzung von Kapazitäten und Rohstoffen. Die IT ist heute ein Teil der Wertschöpfung geworden und IT-Dienstleister müssen diese Rolle inhaltlich begleiten. Dafür ist noch einmal deutlich mehr Wissen über die Geschäftsprozesse, Digitalisierungspoten-ziale und Organisationsstrukturen der Kunden notwendig.

ITD: Wie hat sich die Situation Ihrer Kunden verändert? Welche Branchen stehen aktuell vor den härtesten Herausforderungen? Und was treibt vor allem die Unternehmen des gehobenen Mittelstands an?

Bergmann: Sehr viele Unternehmen setzen sich aktuell intensiv mit dem Thema „Versorgungssicherheit“ auseinander. Gerade die Chemie- und Kunststoffindustrie ist unter Druck. Auch die Unsicherheiten in der Rohstoffbeschaffung beschäftigen viele unserer Kunden. Zudem steigen die Anforderungen an Nachhaltigkeit. Das Thema „Enterprise Resource Management“ rückt für die Unternehmen deshalb gerade wieder in den Vordergrund. Der Name sagt es bereits: Enterprise-Resource- Planning-Systeme (ERP) tragen signifikant zur transparenten Nutzung von Ressourcen wie Energie oder Rohstoffen und zur Vermeidung von Ausschuss oder Verschwendung bei. Sie werden mit Blick auf Wiederverwendung, Recycling und Kreislaufwirtschaft zur zentralen Instanz, die verlässliche Daten aus dem Lebenszyklus bereitstellt. Viele Unternehmen arbeiten aktuell daran, ihre Infrastruktur zu modernisieren. Wir sehen einen klaren Trend in die Cloud. Gerade im gehobenen Mittelstand entscheiden sich immer mehr Unternehmen für eine Cloud-only-Strategie. Deutlich ist derzeit auch: Die Investitionsbereitschaft ist trotz Krisen immer noch sehr hoch.

ITD: Was bewegt die Unternehmen gerade besonders stark?

Bergmann: Es fällt aktuell auf, welchen Stellenwert die Sorge vor Cyberkriminalität heute hat. Zugleich sind IT-Security-Experten rar. Selbst große Unternehmen fühlen sich in ihrer Existenz bedroht. Kaum eine Woche vergeht, ohne dass wir von neuen Incidents hören. Es zeichnet sich deutlich ab, dass nahezu alle, die einmal betroffen waren, danach in die Cloud wechseln. Aber auch die Frage, wie man mit der neuen Arbeitswelt umgeht, beschäftigt vor allem diejenigen Unternehmen, die klassische Modelle gewohnt sind. Zugleich erleben wir einen starken Bedarf, die In-frastruktur aufzuräumen. Wir haben ein Lizenzberatungssystem aufgebaut, das als Grundlage für Audits dient. Gerade größere Mittelständler schauen sich derzeit genauer an, was es an Lizenzen draußen teilweise in 30 oder 40 Ländern gibt, in denen man aktiv ist. Durch Zukäufe ist oft nicht transparent, welche Lizenzen vorhanden sind – häufig wird für Subscriptions bezahlt, die bereits abgelaufen sind. Das Thema ist vielen Kunden auch mit Blick auf Compliance wichtig.

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ITD: Was bedeutet der Trend zu noch mehr Regulierung, gerade auch mit Blick auf Nachhaltigkeit, für das Thema „Compliance“?

Bergmann: Die Digitalisierung bringt ein Riesenpotenzial, um schonender mit Ressourcen umzugehen. Digitale statt physische Besprechungen, die Reisen erfordern, sind nur ein gutes Beispiel. Indem sich sehr leicht Apps entwickeln lassen, können Prozesse massiv verkürzt und von Papier befreit werden. Mit neuen Regularien wie dem Digitalen Produktpass oder dem Lieferkettengesetz kommt auf Zulieferer viel Aufwand zu: Die Kunden erwarten die Einhaltung und Dokumentation von Vorgaben. Ohne moderne Infrastruktur und Ende-zu-Ende-Prozesse ist dieser bürokratische Aufwand kaum zu stemmen. Das Thema „Nachhaltigkeit“ wird neben Profit und Wachstum für sehr viele Unternehmen der dritte Kern-KPI im Bunde.

ITD: Die Herausforderungen sind dynamischer geworden. Wie gut sind die Unternehmen schon aufgestellt, wenn es um vorausschauende Datenanalytik, Simulation und Prognostik geht?

Bergmann: Jeder will in die Zukunft sehen, so gut es geht. In Zeiten großer Marktdynamik und Unsicherheit wird das Thema „Vorhersagefähigkeit“ noch einmal deutlich relevanter. Zwar gibt es viele Daten in den Unternehmen, doch das reicht nicht aus: Unsere Analytics- und KI-Experten stehen in der Praxis häufig vor der Herausforderung, dass die Datenqualität nicht genügt, um die technologischen Möglichkeiten auszuschöpfen. Im Grunde ist es für jedes Unternehmen eine wichtige Aufgabe, eine Datenstrategie mit Blick auf die eigenen Geschäftsziele zu entwickeln und die Probleme rund um Datenverfügbarkeit, Konsistenz und Qualität zu lösen. Eine Voraussetzung dafür sind eine zentrale Datenplattform als verbindliche Quelle der Wahrheit und abteilungsübergreifend einheitliche Definitionen von Daten. Erst dann werden verlässliche Simulationen von Zukunftsszenarien möglich. So lässt sich etwa besser einschätzen, welche Rohstoffe proaktiv beschafft werden sollten, um zu erwartende Aufträge mit der üblichen Liefertreue abarbeiten zu können. Mit guten Daten und analytischen Fähigkeiten verbessern Unternehmen gleichzeitig ihre Resilienz.

ITD: Ihr Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren selbst einer ganzheitlichen Transformation unterzogen. Wann stand fest, dass Sie dabei noch stärker auf Digitalisierung setzen wollen oder müssen?

Bergmann: 2016 war klar, dass wir angesichts der Dynamik, mit der wir uns entwickelt haben, eine ganzheitliche Transformation unserer Organisation brauchen. Mit Blick auf die Chancen der Digitalisierung haben wir fünf Kernbereiche identifiziert und daraus um die 20 Projekte abgeleitet. Seit 2017 sind wir im Prinzip in einem permanenten transformatorischen Prozess, den wir mit viel Leidenschaft und Enthusiasmus vollziehen. Wir sehen uns hier als Vorreiter oder Vorbild: Wir probieren neue Themen und Technologien selbst aus, bevor wir unsere Kunden dazu beraten. In den vergangenen fünf Jahren haben wir alle Systeme konsequent in die Cloud verlagert. Nur so konnten wir die Vor- und Nachteile ganz erfassen. Zum Beispiel nutzen wir auch intensiv KI, um die Möglichkeiten dieser Technologie auszuloten. Das Motto: Wir digitalisieren alles, was wir können, auch unser Geschäftsmodell. In diesem Jahr haben wir eine neue Vision formuliert, die auf den erreichten Ergebnissen aufbaut.

ITD: Das Stichwort „Digitale Transformation“ ist ja oft nur Lippenbekenntnis. Wie weit sind Sie bei diesem Thema gekommen?

Bergmann: Es ist ein Prozess, der sehr viel Zeit benötigt und der eigentlich nur dann funktioniert, wenn auf die kulturelle Transformation ein noch größerer Wert gelegt wird als auf die technische. Da ist ein langer Atem gefragt. Wir haben einen nachhaltigen Weg gewählt und ihn nicht abgebrochen, als es schwierig wurde oder Widerstände kamen. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Es braucht Zeit, Durchhaltevermögen und Klarheit in der Haltung, ein ganzes Geschäftsmodell zu transformieren. Naturgemäß kommen zwischenzeitlich Zweifel, wenn es mal zäh läuft: ob sich das Investment auszahlen wird, ob Aufwand und Nutzen im richtigen Verhältnis stehen.

ITD: Was waren aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen?

Bergmann: Man muss auch bereit sein, wirtschaftliche Nachteile in Kauf zu nehmen. Wenn Zeit in die Transformation gesteckt wird, stehen z.B. weniger Beraterstunden zur Verfügung. Beim Umbau von Geschäftsmodellen gibt es naturgemäß Verwerfungen. Während ein altes Modell eigentlich noch funktioniert, soll Kraft in etwas Neues gesteckt werden. Teilweise widerspricht sich das wirtschaftlich. Immer wieder gibt es High Performer aus der alten Welt, die sich in der neuen Welt schwerer tun. Zur Ehrlichkeit gehört es auch zu sagen: Manchmal verliert man Menschen, die diesen Weg nicht mitgehen wollen. Auch der Wechsel zu einem digitalen Mindset dauert je nach Persönlichkeit und Wertewelt unterschiedlich lange. Heute sehe ich die kulturelle Transformation als Hauptaufgabe in meiner Rolle als CEO der Cosmo Consult-Gruppe. 

ITD: Was verstehen Sie genau unter einem digitalen Mindset?

Bergmann: Ein digitales Mindset bedeutet, zu versuchen, die Möglichkeiten der Digitalisierung so gut es geht zu nutzen und alle manuellen Routinetätigkeiten zu digitalisieren, um Freiraum für andere Dinge zu schaffen. Es ge-hören auch eine andere Sicht auf Arbeit, Arbeitszeitflexibilität, Vertrauensarbeitszeit und Ortsunabhängigkeit dazu. Das bedeutet etwa, in globalen Teams zusammenzuarbeiten, ohne dass man sich jeden Tag persönlich sehen kann, und sich trotzdem als Teil eines Teams zu fühlen. Es gilt, die Kompetenz zu entwickeln, wie ich die für mich relevanten Informationen aus einem riesigen Angebot herausfiltere – und Informationen und Wissen mit anderen Menschen teile.

ITD: Warum ist die echte Beteiligung der Mitarbeiter an den Transformationsprozessen so wichtig für deren Erfolg?

Bergmann: Ansätze, die den Menschen in den Mittelpunkt stellen, sind in der Vergangenheit oft unterschätzt worden – gerade aus IT-Sicht. Allerdings ist die Technologie ein Stück weit austauschbar. Sie wird erst zum Werkzeug in den Händen und Köpfen der Menschen, die damit arbeiten. Wenn die Menschen nicht vom Nutzen überzeugt sind oder nicht gern damit arbeiten, gibt es auch kein gutes Ergebnis. Daher lautet unser Claim auch „The power of people“, was für eine Technologie-Company erst einmal ungewöhnlich klingt. Transformation ist eine Gemeinschaftsaufgabe, bei der alle dabei sein sollten. Sie kann nicht von der Führung vorgegeben werden, das Führungsteam kann diese Reise nur begleiten, Ängste nehmen und dafür sorgen, dass alle mitgenommen werden.

ITD: Wie gelingt es, das Team wirklich mitzunehmen und so etwas wie einen Spaßfaktor zu schaffen?

Bergmann: Die Projekte und Themen unseres Transformationsprogramms wurden von den Mitarbeitern selbst erarbeitet. Basis war eine Vision, aber die Umsetzung entwickelten die Fachleute aus den Teams. Rund zehn Prozent der Belegschaft, also gut 140 Menschen, haben daran über mehrere Jahre kontinuierlich aktiv gearbeitet. Mitwirkungskraft, Gestaltung und Kreativität machen vielen Menschen Freude. Gerade weil das Thema keineswegs trivial ist, wollen wir unsere Kunden beim Umbau zu agileren, flexibleren Organisationsstrukturen unterstützen. Dafür haben wir u.a. die Beratungstochter „Business Design“ gegründet.

ITD: Gibt es ein Geheimrezept oder wichtige Erkenntnisse aus den Lessons Learned, die Sie verraten können?

Bergmann: Als Rezept würde ich empfehlen: Es ist entscheidend, die neue Kultur aus der Führung heraus vorzuleben. Veränderung beginnt mit einem selbst. Neben einem extrem hohen Maß an Kommunikation sind das Nachhalten und Durchhalten die wohl wichtigsten Punkte: Nicht einknicken, wenn es schwer wird. Es ist einer der entscheidenden Erfolgsfaktoren, Performanceeinbußen auszuhalten und trotz Sorge weiter an die Vision zu glauben. Für Unternehmen, die rein auf Quartals- oder Jahresergebnisse ausgerichtet sind, ist eine ganzheitliche Transformation deshalb eine besonders große Herausforderung.

ITD: Sie sagten, dass Sie eine neue Vision entwickelt haben. Welche Ziele will Ihr Unternehmen mittel- und langfristig erreichen?

Bergmann: In unserer Vision für die kommenden vier Jahre geht es im Kern darum, dass wir unsere Anstrengungen, Vorreiter in unserer Branche zu sein, weiter verstärken wollen. Der Mensch soll dabei noch einmal deutlicher im Vordergrund stehen.

ITD: Wie kann eine weitere Digitalisierung für einen IT-Dienstleister aussehen?

Bergmann: Wir haben beispielsweise mit dem „Digitalen Berater“ einen digitalen Assistenten entwickelt, mit dessen Hilfe selbst die Einführung komplexer Projekte schneller und einfacher geht. Die Lösung wurde bereits mit den Auszeichnungen Microsoft Act to Accellerate und Microsoft Partner of the Year Finalist geehrt. Damit können Kunden mit weniger komplexen Anforderung ein ERP-System wie Dynamics 365 Business Central sogar komplett selbstständig einführen. In unserem Support- und Wissens-Bot Cosma haben wir das Know-how aus vielen Jahren Erfahrung gespeichert, ebenso steht viel kontextbasiertes digitales Wissen im Kundenportal myCosmo rund um die Uhr zur Verfügung. Ein weiterer Baustein ist das Cosmo College mit digitalen Lernformaten. Wir digitalisieren also alles, was wieder verwendet werden kann und für viele Kunden interessant ist. Das Ziel: mehr Zeit für die individuelle Beratung in Bereichen wie Digitalstrategie, Prozess- oder Change-Management. Dabei nehmen wir ganz bewusst eine Disruption unseres bestehenden Geschäftsmodells in Kauf, um unseren Kunden einen besseren Service zu bieten.

Derzeitige Position: Chief Executive Officer (CEO) der Cosmo Consult-Gruppe

Interessen: Sport, Familie

Bildquelle: Daniela Glunz

https://www.it-zoom.de/it-director/e/die-digitale-vision-verteidigen-30994/

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