Überbewertete Technologien: Die 6 größten IT-Hypes

Neue Technologien stellen des Öfteren wahre Wunder in Aussicht. Wie es dabei um die Umsetzbarkeit steht, bleibt in vielen Fällen (erst einmal) im Dunkeln.


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Keine Technologie um der Technologie willen – dieses Mantra haben viele moderne CIOs verinnerlicht. Dennoch lassen sich die Manager – ebenso wie alle technik-affinen Mitarbeiter – immer noch von neuen Tools und digitalen Innovationen begeistern. Dabei überzeugen sie sich in vielen Fällen vor allem selbst davon, dass das Nutzenversprechen einer angepriesenen Technologie ihrem Unternehmen dienlich sein kann.

“Die Tech-Welt steckt voller neuer Technologien, die das Potenzial haben, die Art und Weise, wie wir leben, arbeiten und lernen, zu verändern”, meint Jeff Wong, Global Chief Innovation Officer beim Beratungsunternehmen EY. “Wir haben ähnliche Hype-Zyklen schon einmal kommen und gehen sehen. Während diese neuen Technologien unglaubliche Veränderungen versprechen, kann der Rummel, der um sie gemacht wird, zur Fehlannahme führen, dass die Innovation sofort umgesetzt werden kann.”

Der Trick besteht deshalb darin, jede Technologie so zu sehen, wie sie wirklich ist – einschließlich ihrer potenziellen Fallstricke und Nachteile. Mit anderen Worten: Strategische und transformative IT-Führungskräfte wissen, wie Traum von Realität zu trennen ist. Vor diesem Hintergrund haben wir mit verschiedenen CIOs gesprochen und sie um ihre Einschätzung gebeten, welche Technologien am häufigsten überschätzt werden und woran das liegt.

Trotz der Aufregung – oder vielleicht gerade deswegen – ist das Metaverse für die Mehrheit der CIOs die meistgehypte Technologie. Kritikern zufolge erwecken Metaverse-Enthusiasten (darunter auch Anbieter) den Eindruck, die Menschheit würde mit dieser Technologie zu einem Leben in einer neuen, digitalen Welt übergehen.

“Das Metaverse könnte sich unter Umständen als großartig erweisen. Aber dafür müssen sich noch einige Dinge tun”, meint Bob Johnson, CIO der American University of Paris. Auch Augmented-, Virtual- und Mixed Reality seien wunderbare Anwendungen, würden aber nicht die Art und Weise verändern, wie wir leben.

“Wenn wir der Hollywood-Perspektive Glauben schenken, würde das Metaverse alles verändern. Mit diesem Anspruch kann die unsichtbare, technologische Infrastruktur nicht mithalten. Daher glaube ich nicht, dass das Metaverse in naher Zukunft unser Leben verändern wird”, ist der CIO überzeugt.

Doch nicht nur IT-Entscheider stehen dem Metaverse skeptisch gegenüber: Eine aktuelle Umfrage des Softwareunternehmens Momentive in Zusammenarbeit mit dem Nachrichtensender Axios kommt zum Ergebnis, dass sich die Mehrheit der US-Amerikaner keine großen Gedanken über diese Technologie macht:

  • Etwa 60 Prozent geben an, mit dem Konzept des Metaverse nicht vertraut zu sein;
  • Von denjenigen, die es kennen, haben 35 Prozent eher Angst davor, während
  • 14 Prozent eher begeistert sind und
  • 50 Prozent keine Meinung haben.

Andere Umfragen fördern hingegen mehr Begeisterung für das Metaverse zutage: Das Beratungsunternehmen PwC befragte mehr als 5.000 Verbraucher und 1.000 Führungskräfte in den USA und stellte fest:

  • 50 Prozent der Verbraucher finden das Metaverse “aufregend”;
  • 66 Prozent der Führungskräfte geben an, entweder Proofs of Concepts zu erstellen oder Anwendungsfälle zu implementieren – in einigen wenigen Fällen wurden bereits Einnahmen aus Transaktionen erzielt.

PwC selbst schränkt diese Zahlen jedoch ein und merkt an, dass es wichtig sei, nicht zu vergessen, dass die ‘ultimative’ Version des Metaverse (vollständig immersiv, mit nahtlosen und sicheren Übergängen zwischen einer Vielzahl von Umgebungen) noch nicht existiert.

Für den Hype um das Metaverse macht Marcelo De Santis, Chief Digital Officer bei der Technologieberatung Thoughtworks North America, eine Kombination aus Ankündigungen von Social-Media-Giganten sowie das explosionsartige Wachstum von NFTs verantwortlich – eine seiner Meinung nach fragwürdigen Anwendung der Blockchain-Technologie.

Der CDO ist davon überzeugt, dass Führungskräfte die Technologie und ihr Potenzial besser in den Griff bekommen müssen: “Ich glaube, wir brauchen nicht nur Klarheit darüber, was das Metaverse ist, sondern auch darüber, wie wir seine Entwicklung sehen. Mit anderen Worten: Was ist heute, morgen und übermorgen möglich? Diese Klarheit wird dazu beitragen, einen strategischen Rahmen für die Entwicklung der Technologie, der Talente und der Geschäftsfähigkeiten festzulegen. Nur so kann sich das Metaverse in einen sinnvollen Transformationsmotor verwandeln, der gut für die Wirtschaft, den öffentlichen Sektor und die Gesellschaft ist.”

Auch die Blockchain gilt unter CIOs als überbewertet. Trotzdem die Technologie schon fast ein Jahrzehnt im Einsatz ist, ist sie bislang noch nicht so transformativ und nützlich wie von Vielen erhofft.

“Blockchain klang ziemlich cool und wurde schnell zu einem Buzzword, das Interesse wecken konnte”, erinnert sich Josh Hamit, Senior Vice President und CIO der Altra Federal Credit Union. “In der Praxis hat es sich jedoch für viele Unternehmen als diffizil erwiesen, konkrete Use Cases für die Blockchain- beziehungsweise Distributed-Ledger-Technologie zu identifizieren.”

Der CIO verweist auf eine Studie von Gartner, wonach die Blockchain-Akzeptanz noch nicht besonders hoch ist: “Die Technologie hat bereits damit begonnen, die Art und Weise, wie Geschäfte gemacht werden, zu revolutionieren – aber selbst CIOs sind noch nicht ganz an Bord, ganz zu schweigen vom Rest der Führungsteams. Untersuchungen von Gartner belegen, dass im Schnitt 45 Prozent der CIOs kein Interesse haben, Blockchain in ihrem Unternehmen einzusetzen. Trotz des Hypes scheinen sich viele CIOs nicht für die Technologie zu interessieren.”

Dennoch wollen Hamit und andere CIOs die Technologie nicht abschreiben und prophezeihen, dass die Blockchain – irgendwann – ihr gesamtes Potenzial ausschöpfen wird.

Greg Taffet, geschäftsführender Gesellschafter und CIO bei Taffet Associates, geht noch einen Schritt weiter. Für ihn sind auch Kryptowährungen, NFTs und Dezentrale Autonome Organisationen (DAOs) komplett überbewertet.

Ein Beweis dafür sei die Eile, mit der einige Führungskräfte diese Technologien implementieren, ohne gute Use Cases zu haben, erklärt Taffet: “Unternehmen wollen nicht zurückfallen, während sie herausfinden, wie sie eine Technologie richtig nutzen können. Sie führen also Projekte durch, bevor sie herausgefunden haben, ob es bessere oder alternative Technologien gibt, die sie einsetzen sollten. Damit wir uns nicht falsch verstehen: Web3-Technologien haben enormes Potenzial – ich arbeite im Rahmen mehrerer Smart-City-Projekte selbst damit.”

Dabei sei es eine Herausforderung gewesen, Mitarbeiter zu finden, die sowohl über das technische Wissen verfügen, um diese Technologien zu implementieren, als auch die geschäftliche Erfahrung vorweisen können, um diese sinnvoll einzusetzen.

Lawrence Anderson, CIO beim US-Handelsministerium, sieht das ähnlich: Jede Technologie, die von einer großen Infrastruktur oder mehreren Parteien abhänge, verspreche bisher mehr, als sie an Wert geliefert habe: “Ich glaube, dass es sich bei Web3 um eine sehr leistungsfähige Technologie mit viel Potenzial handelt. Aber wir sind noch nicht bereit dafür, sowohl was die Ressourcen als auch was die erforderliche Infrastruktur angeht, um diese Technologie zu stützen.

Insbesondere durch die Pandemie hat die Cloud in vielen Unternehmen einen weiteren Schub erhalten. Strategie und Lösungen beweisen in vielen Fällen ihren Wert – dennoch halten einige CIOs die Cloud für überbewertet.

Den Grund dafür formuliert Monique Dumais-Chrisope, Senior Vice President und CIO der Encore Capital Group: “Wir beobachten, dass Lösungen aus dem Rechenzentrum in die Cloud verlagert werden, ohne dass dabei die wahren Vorteile der Cloud-nativen Entwicklung genutzt werden. Unternehmen sind überrascht, wenn sie zu einer Cloud-Lösung wechseln und auf die gleichen klobigen, nicht skalierbaren Probleme stoßen, die sie aus ihrem Rechenzentrum kennen.”

Die versprochenen Vorteile der Cloud blieben folglich für die IT-Abteilung aus, während die Partner und Anbieter, die für die Migration verantwortlich zeichneten, ihren Kunden nicht die versprochene, verbesserte Leistung liefern könnten.

Für die Studie “Thriving in an AI World” befragte das Beratungsunternehmen KPMG fast 1.000 Führungskräfte zu ihrer Meinung über Künstliche Intelligenz. Das Ergebnis: 74 Prozent der Teilnehmer sind der Meinung, dass der Einsatz von KI zur Unterstützung von Unternehmen derzeit mehr Hype als Realität ist.

Diese Ansicht teilen auch einige CIOs – etwa Matt Nerney, CIO bei TPP Global Services: “Die Leute stellen sich KI als magische Blackbox vor, die alles richtig macht. Ich bin da eher skeptisch, weil ich die Grenzen der Technologie kenne.” Dabei bestreitet der CIO – wie auch andere führende Techniker – nicht, dass KI eine leistungsstarke Technologie ist. Diese erfordere aber eine Menge Ressourcen, einschließlich großer Datensätze, um die Modelle zu trainieren und Datenwissenschaftler, um diese zu managen. Zudem sei es ein zeitaufwändiges und komplexes Unterfangen, KI zu implementieren – letztlich basiere das immer noch auf dem Abgleich von Mustern.

Dabei müssten CIOs sich auch vor den Marketingbotschaften der Softwarehersteller in Acht nehmen, die mit dem Begriff KI um sich werfen würden, um Algorithmen oder Machine Learning zu beschreiben: “Es gibt an dieser Stelle oft auch Druck von außerhalb der IT – etwa aus den Fachbereichen. Dort gibt es dann Leute, die auf Lösungen beharren, nur weil diese angeblich KI-Fähigkeiten an Bord haben.”

“Der Begriff KI wird massiv überstrapaziert”, stimmt Hamit zu. “Das dient nur dazu, Anwendungen und Technologien erfolgreicher zu vermarkten und bezüglich ihrer Fähigkeiten zu übertreiben.”

Aufgrund der pandemiebedingten Einschränkungen haben so gut wie alle Unternehmen eine Vielzahl von Collaboration Tools implementiert, um ihre Mitarbeiter bei der Remote-, Hybrid- und Heimarbeit zu unterstützen.

Eric Johnson, Executive Vice President und CIO von Momentive, glaubt allerdings nicht, dass diese Technologien alle erhofften Vorteile bringen: “Wir wurden mit Collaboration Tools überschwemmt. Die sind sehr vielversprechend, aber ich denke, dass sie im Zuge der Entwicklung der Remote- und Hybrid-Work-Arbeitsumgebungen überbewertet wurden. Der Sinn von Kollaborations-Tools ist es, die Mitarbeitern dabei zu unterstützen, effizienter und engagierter zu arbeiten. Wenn man dann jedoch für jeden nur erdenklichen Use Case ein eigenes Tool einführt, wirkt sich das negativ auf die Effizienz aus.”

Wenn man bedenkt, wie schnell die Einführung solcher Tools in den vergangenen zwei Jahren vonstattengegangen ist, überraschen solche Entwicklungen nicht. Laut Gartners Digital Worker Experience Survey haben im Jahr 2021 fast 80 Prozent der Arbeitnehmer Kollaborations-Tools für ihre Arbeit genutzt. Im Vergleich zum Jahr 2019 ist das ein Anstieg von 44 Prozent. Auch die Nutzung von Speicher- und Sharing-Tools sowie von mobilen Echtzeit-Messaging-Tools hat zugenommen, und zwar um 74 Prozent, respektive 80 Prozent.

Analog zu anderen aufstrebenden Technologien erwartet Johnson auch für den Markt der Collaboration Tools, dass dieser reifen und mit der Zeit bessere Erfahrungen und Gesamtergebnisse liefern wird. Der CIO geht auch davon aus, dass sich der Markt in diesem Zuge konsolidieren wird: “Dabei dürften größere Unternehmensplattformen einige der Best-of-Breed-Angebote übernehmen und einige Best-of-Breeds ihre Fähigkeiten ausbauen, um ein einziges Softwareprodukt anzubieten, das eine vollständige, nahtlose Zusammenarbeit ermöglicht. Erst wenn es so weit ist, wird die Technologie ihrem Hype gerecht werden – und ein anderes Produkt wird seinen Platz auf der Liste einnehmen.” (fm)

  1. Microsoft OneDrive
    In Microsofts Online-Speicher One Drive lässt sich festlegen, wer auf welche Dokumente zugreifen darf.
  2. Microsoft SharePoint
    Auch Microsofts SharePoint dient als Content-Hub. Die Administration kann allerdings teilweise etwas kompliziert werden.
  3. Google G Suite
    Auch Google bietet Anwendern mit seiner “G Suite” eine komplette Office-Umgebung in der Cloud inklusive Mail, Business-Chat und Video-Konferenzen. Über ein Dashboard lassen sich die verschiedenen Google-Dienste aufrufen.
  4. Dropbox
    Dropbox bietet Business-Anwendern die Möglichkeit, Dokumente abzulegen, zu teilen und zu bearbeiten.
  5. Box
    Mit Box sollen sich Inhalte von überall aus steuern und verwalten lassen – auch mobil.
  6. Axway Syncplicity
    In Axway Syncplicity sorgen Activity-Feeds für Transparenz, wer Dateien und Ordner wie bearbeitet und verändert.
  7. Egnyte
    Egnyte bietet in seiner Content-Collaboration-Plattform eine Reihe von Security-Features.
  8. Slack
    Slack hat seine Chat-Lösung mit Funktionen für das Content-Handling erweitert.
  9. Salesforce Quip
    Mit Quip können Salesforce-Anwender Dokumente und Inhalte in ihrer Projekt-Workflows integrieren.
  10. Amazon Workdocs
    WorkDocs von Amazon konzentriert sich auf die Cloud und ist darauf ausgelegt, On-premise-Infrastrukturen abzulösen.

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel unserer US-Schwesterpublikation CIO.com.

https://www.computerwoche.de/a/die-6-groessten-it-hypes,3554021

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