Netzwerkmanagement optimieren: 7 Mittel gegen Tool-Wildwuchs

Mehr “Spaghetti Incident” als Netzwerk? Lesen Sie, was gegen Tool-Wildwuchs hilft.


Foto: David Calvert – shutterstock.com

Tool-Wildwuchs ist ein Problem von beängstigenden Ausmaßen, das Enterprise-IT-Abteilungen weltweit umtreibt, egal ob beim Betrieb eines Rechenzentrums, im Bereich Cybersecurity, Application Performance oder Netzwerkzuverlässigkeit.

Tool-Wildwuchs tritt auf, wenn Unternehmen Lizenzen für mehrere Tools erwerben beziehungsweise Open-Source-Lösungen einsetzen, die verwandte, aber nicht völlig identische Probleme lösen sollen. Mehrschichtige Sicherheitslösungen sind hierfür ein gutes Beispiel – das Problem betrifft aber auch Netzwerk-, DevOps– oder Cloud-Teams. “Egal wie viele Tools Sie für Netzwerk- und Infrastrukturmanagement einsetzen – es wird immer Lücken geben”, ist Mark Leary, Director of Network Analytics and Automation bei IDC überzeugt. “Observability ist eine Mammutaufgabe: Allein für Monitoring und die Erfassung von Metriken setzen die meisten Unternehmen zwischen sechs und 20 Tools ein.”

Eine Umfrage von 451 Research unterstreicht die Einschätzung des Analysten: 39 Prozent der befragten Unternehmen jonglieren mit 11 bis 30 Monitoring-Tools, um ihre Anwendungs-, Infrastruktur- und Cloud-Umgebungen im Auge zu behalten. Immer noch acht Prozent verwenden dafür zwischen 21 und 30 verschiedene Tools.

Nur für Netzwerk-Monitoring und -Management können einige IT-Teams beispielsweise auf eine Kombination aus

Dazu kommen noch herstellerspezifische Tools und Nischenprodukte.

“Aus betrieblicher Sicht führt das in jedem Aspekt der IT-Verwaltung und des Netzwerkmanagements zu Ineffizienzen”, meint Mike Fratto, Senior Research Analyst, Applied Infrastructure and DevOps bei S&P Global Market Intelligence. “Der Operator ist jetzt das Bindeglied zwischen all diesen Tools, was zu einem Drehstuhl-Management führt: Es geht nicht, ohne ständig von Konsole zu Konsole zu springen.”

Das mache den Operator nicht nur zu einem Single Point of Failure, sondern auch unentbehrlich – solche Mitarbeiter seien auf einem angespannten Arbeitsmarkt extrem schwer zu finden und zu ersetzen. Selbst mehrere Tools und ein Operator, der mühelos mit multiplen Dashboards jonglieren kann, reicht für moderne, komplexe IT-Umgebungen nicht, weiß Fratto: “Selbst mit den neuesten Tools werden Sie Lücken in der Transparenz haben, was sehr hinderlich sein kann. All diese Tools führen ohne einheitliche Architektur dazu, dass die IT ihrem Trott nie entkommt und hochqualifizierte, hochtalentierte IT-Mitarbeiter banale Arbeit verrichten.”

Dem kann Leary nur zustimmen. Alleine für die Observability brauche man eine Vielzahl von Tools – und das bereits bevor Cloud, Security, Container, etc. mit einbezogen würden: “Bei Netzwerken ist das Problem noch größer. Sie bestehen aus einer Reihe verschiedener Subdomänen, die für unterschiedliche Zwecke entwickelt wurden. Am Ende benötigt man verschiedene Tools für Rechenzentren, Unternehmens-Wifi sowie Campus-, Cloud- und 5G-Netzwerke. Das hört niemals auf.”

Jede neue Subdomäne erfordere eine stärkere Spezialisierung sowohl was die Tools angehe, die zur Überwachung und Verwaltung eingesetzt werden, als auch bei den Mitarbeitern, die für den Einsatz dieser Tools speziell geschult werden müssten, so Leary: “Das treibt die Kosten in die Höhe und verringert die Produktivität.”

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Für Tool-Wildwuchs gibt es viele legitime Gründe, darunter:

Hinzu kommen häufig Probleme wie:

  • herstellerspezifische Tools, die sich nicht gut mit anderen integrieren lassen,
  • verschiedene interne Teams, die für ähnliche Aufgaben unterschiedliche Produkte kaufen,
  • die Verbreitung von Open-Source-Optionen und
  • die Notwendigkeit, Netzwerke und Infrastrukturen flexibel und dynamisch zu gestalten, um sie an die sich ständig weiterentwickelnden Technologien und Marktbedingungen anzupassen.

Ein weiteres Problem ist die alltägliche Brandbekämpfung, die die IT-Abteilung in einem reaktiven Modus gefangen hält, wie Leary erklärt: “Oft kauft die IT-Abteilung Tools, um ein ganz bestimmtes Problem zu lösen, was zu einer Flut von Nischenprodukten führen kann, die sich nicht gut mit anderen Monitoring- und Management-Tools integrieren lassen.”

Im Laufe der Zeit könnten einige dieser Nischenprodukte in größeren Plattformen konsolidiert oder in herstellerspezifische Ökosysteme integriert werden. Doch selbst nach einer Konsolidierung entwickeln sich Netzwerke und Infrastrukturen weiter, so dass sich neue Möglichkeiten für Startups ergeben, neue Produkte auf den Markt zu bringen, die wieder neue Lücken schließen. Und der Kreislauf beginnt von vorne.

Dass Tool-Wildwuchs hohe Kosten verursacht, ist offensichtlich, aber undurchsichtig und schwer zu quantifizieren. Die ausufernden Kosten für sich überschneidende Lizenzen und “Use-it-once”-Shelfware lassen sich leicht addieren. Weitaus schwerer zu messen sind Kostenfaktoren, die durch den Wildwuchs entstehen, etwa:

Laut einer Umfrage von 451 Research aus dem August 2020 sind von rund 700 befragten IT-Profis in den USA und Europa lediglich elf Prozent mit ihren Monitoring-Tools zufrieden. Das könne leicht in Unzufriedenheit bei der Arbeit umschlagen, argumentiert Fratto: “Der Tool-Wildwuchs kann sich verselbstständigen und Netzwerkprofis in banalen Aufgaben versinken lassen, die in den Burnout führen.”

Wir haben sieben Wege für Sie zusammengefasst, um Tool-Wildwuchs und seinen Anschlussproblemen entgegenzuwirken.

1. Keine Angst vor neuen Tools

Auch wenn das widersprüchlich klingen mag: Weitere Tools können unter Umständen dazu beitragen, Tool-Wildwuchs einzudämmen. Netzwerk-Automatisierungstools von Unternehmen wie NetBrain, Infoblox, SolarWinds und Cisco wenden KI, ML und Analytics auf das Network-Sprawl-Problem an und unterstützen die Anwenderunternehmen dabei, verschiedene Aufgaben zu automatisieren.

Für bestimmte Use Cases, etwa die Anbindung von Zweigstellen, setzen viele Unternehmen bereits auf Managed Network Services wie NaaS und SD-WAN, die neue Technologien in die Kernangebote integrieren.

2. Mit Outsourcing warm werden

Outsourcing kann dazu beitragen, interne IT-Mitarbeiter zu entlasten. Allerdings sollten Sie dabei nicht erwarten, dass ein Managed Service alle Probleme löst, wie Leary zu bedenken gibt: “Wenn Sie Teile Ihres Netzwerks auslagern, wie beispielsweise 5G, haben Sie den Vorteil der Spezialisierung und Ihr MSP wird verschiedene Aufgaben für Sie übernehmen. Aber es ist wie in den frühen Tagen der Cloud: Die Leute haben ihre Rechenzentren nicht stillgelegt. Vielmehr haben sie bestimmte Workloads in die Cloud migriert. Wenn das gut lief, haben sie weitere hinzugefügt. Seien Sie nicht überrascht, wenn das Netzwerk beziehungsweise seine Automatisierung einen ähnlichen Weg einschlägt.”

3. Konsolidieren und integrieren

Im Laufe der Zeit werden größere Anbieter einige der Einzelprodukte, auf die Sie angewiesen sind, übernehmen, und in anderen Fällen werden diese Einzellösungen einfach zu Funktionen in konkurrierenden Produkten. Eine Konsolidierung kann sicherlich dazu beitragen, Tool-Wildwuchs einzudämmen, aber selbst bei konsolidierten Produkten ist die Integration mit all Ihren anderen Tools entscheidend. Ökosysteme von Anbietern sind ein großartiger Ort, um Produkte zu finden, die gut zusammenarbeiten. Aber was passiert, wenn ein spezialisiertes Produkt, auf das Sie angewiesen sind, nicht in das Ökosystem passt?

Indem Sie die Anbieter bei Integration und offenen APIs in die Pflicht nehmen, können Sie weiteren Tool Sprawl vermeiden.

4. Low hanging fruits ernten

Es gibt keinen Grund, die Auflösung von Tool-Wildwuchs unnötig zu verkomplizieren. Fratto empfiehlt Entscheidern, sich eine wesentliche Frage zu stellen: “Womit verbringen die IT-Mitarbeiter den größten Teil ihrer Zeit? Wenn das Gros der Arbeitszeit dafür verwendet wird, Datenströme und mehrere Tools zu managen, sollten Sie dort beginnen. Finden Sie Muster, die sich ständig wiederholen und lösen Sie diese auf – integrieren und konsolidieren Sie.”

5. Prozess- und Workflow-Optimierung nicht vergessen

Nicht alle Lösungen müssen technologischer Natur sein. Klar definierte Prozesse und Arbeitsabläufe, die von den IT-Teams zu befolgen sind, können Vorteile erschließen: Sie verhindern, dass IT-Führungskräfte in jedes banale Problem hineingezogen werden, weil weniger erfahrene Mitarbeiter Angst haben, eine Entscheidung zu treffen.

Außerdem werden klar definierte Prozesse und Workflows die Ad-hoc-Natur der IT-Problemlösung einschränken.

6. Daten- und Organisationssilos aufbrechen

Ein Grund für den unkontrollierten Wildwuchs von Netzwerk-Tools ist die Tatsache, dass die vielen an das Netzwerk angeschlossenen Devices einen konstanten Datenstrom erzeugen. Dieser ist jedoch in anwendungs- oder tool-spezifischen Silos isoliert. Wenn Sie einen Weg finden, diese Datensilos aufzubrechen, können Sie mehr aus Ihren Daten herausholen. Allerdings sind viele der Silos, die den Fortschritt behindern, keine Datensilos, sondern organisatorische.

Das weiß auch Leary: “Aus organisatorischer Sicht müssen Unternehmen eine Struktur finden, die es ihnen ermöglicht, zusammenzuarbeiten, gemeinsame Tools zu verwenden und Daten gemeinsam zu nutzen.” Dabei betrachteten viele IT-Teams ihre Tools und Daten aus proprietärer Sicht und seien oft nicht bereit, diese zu teilen: “Teamübergreifende Zusammenarbeit ist keine Selbstverständlichkeit, daher müssen die Führungskräfte sie aktiv fördern.”

7. Automatisieren, automatisieren, automatisieren

“Automatisieren” ist ein so gängiger Ratschlag für die Lösung von IT-Problemen, dass so mancher beim Lesen bereits die Augen verdreht. Bei Ihren Bemühungen um Konsolidierung, Rationalisierung und Modernisierung sollten Sie den gesunden Menschenverstand nicht vergessen. Suchen Sie nach Tools, die leicht zu integrieren sind und nicht nur eine Lawine von Daten, sondern auch umsetzbare Empfehlungen liefern.

“Die großen Vorteile liegen heute nicht in der grundlegenden Automatisierung, etwa automatischen Konfigurationen, sondern darin, Netzwerke dynamischer und robuster zu machen, um sich besser an wechselnde Belastungen anpassen zu können”, erklärt Leary. (fm)

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel unserer US-Schwesterpublikation Network World.

https://www.computerwoche.de/a/7-mittel-gegen-tool-wildwuchs,3554007

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