IDC-Studie zum Enterprise Networking: Deutsche Unternehmen im Offline

Der Zustand der Vernetzung deutscher Unternehmen ist aus Sicht von IDC äußerst bedenklich.


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Egal, ob es sich um Cloud Computing, Collaboration, transparente Lieferketten, Resilienz, das Industrial Internet of Things (IIoT) oder neue digitale Business-Modelle dreht: Deutsche Unternehmen stehen vor immensen Herausforderungen, die sich nur mit einer soliden, zeitgemäßen Connectivity bewältigen lassen. Und genau daran scheint es gemäß der IDC-Studie “Enterprise Netzwerke 2022” zu hapern. Im Rahmen der Studie befragten die Marktforscher hierzulande 150 Organisationen mit mehr als 250 Beschäftigten.

Für Projektleiter Marco Becker, Senior Consultant bei IDC, sind die Studienergebnisse durchwachsen: “Die Mehrheit der Befragten offenbart große Schwächen in der Vernetzung der eigenen Systeme, aber auch in der Vernetzung mit Partnern und Kunden.” Unterm Strich, so Becker weiter, “ist der aktuelle Zustand der Vernetzung in deutschen Unternehmen äußerst bedenklich”. Dabei hatte die vorangegangene Studie zu diesem Thema größere Fortschritte erwarten lassen. Aber die Befragten konnten ihre selbstgesteckten Ziele in den meisten Fällen nicht erfüllen. So bezeichnen drei von zehn Studienteilnehmer in der aktuellen Umfrage die Vernetzung ihres Unternehmens immer noch als mangelhaft.

Woran es bei den Enterprise-Netzwerken hapert, offenbart bereits die Frage nach dem Reifegrad der Vernetzung: Auf einer fünfstufigen Reifeskala beurteilten 30 Prozent der Befragten die allgemeine Vernetzung über die gesamte IT-Landschaft hinweg mit dem schwächsten Wert, bezeichnet als “minimale Vernetzung”. Weitere 21 Prozent befinden sich auf der zweitniedrigsten Stufe “begrenzte Vernetzung”. Die beiden höchsten Niveaustufen “proaktive” und “umfassende” Vernetzung erreichten zusammen nur 23 Prozent der Befragten.

Für Becker ist die ein klarer Hinweis darauf, dass die IT der Unternehmen auf den niedrigen Stufen von einem nahezu ausschließlichen Legacy-Betrieb geprägt ist – mit minimaler Integration und maximaler Isolation von Geschäftsprozessen und Daten. Erst bei den proaktiv und umfassend vernetzten Unternehmen fänden sich eine starke Cloud-Adaption sowie zentrale, einheitliche Datenmodelle.

Lediglich 23 Prozent der Unternehmen weisen einen ausreichenden Reifegrad für Cloud-Adaption, zentrale Datenmodelle etc. auf.


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Die schlechte Vernetzung hat häufig direkte Auswirkungen auf das Business. So gaben 67 Prozent zu Protokoll, dass für sie die Realisierung von Business-Projekten, die von Konnektivität abhängen, eine große oder sogar sehr große Herausforderung sei. Vorhaben run dum IIoT, Blockchain-gestützte Supply Chains oder Collaboration sind also nur unter größten Anstrengungen umsetzbar. Immerhin zeigt sich nun aber Licht am Ende des Tunnels: Viele Unternehmen sind sich ihrer Defizite bewusst. Schon in zwei Jahren hoffen 42 Prozent, auf einer der beiden obersten Reifestufen angekommen zu sein.

Die Notwendigkeit einer besseren Vernetzung offenbart sich auch bei den aktuellen Herausforderungen für 2022 und 2023, die überwiegend technologisch dominiert sind. Die Top-3 setzen sich wie folgt zusammen:

  • Cloud-/Multi-Cloud-Migration und -Konnektivität (28 Prozent),
  • die Einbindung neuer Zugangs- und Netzwerktechnologien (27 Prozent) sowie
  • die Connectivity zwischen Niederlassungen (22 Prozent).

Schon in zwei Jahren sehen sich 42 Prozent der Befragten auf den obersten Reifestufen.


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Auch die Umsetzung stark visualisierter, skalierbarer und anpassungsfähiger Netzwerke (19 Prozent) sowie dementsprechend auch flexiblerer Nutzungsmodelle (21 Prozent), die mit der Cloud-Adaption schritthalten, sind häufig genannte Themen. Geht es um generelle Connectivity-Herausforderungen, nennen 38 Prozent die Anpassung der IT- und Netzwerkfähigkeiten an Business-Erwartungen, gefolgt von der Einbindung neuer Technologien wie IoT und Cloud (33 Prozent) sowie dem generellen Datenwachstum (32 Prozent).

Auch der Blick auf das Tagesgeschäft, also den Netzwerkbetrieb, ist wenig erfreulich. Kritische Problemfelder sind aus Sicht von jeweils einem Viertel der Befragten die Akquise von Netzwerkfachpersonal, Schulungen, fehlende Zeit für strategische Aufgaben und eine mangelhafte technologische Unterstützung. Gleichzeitig sagen zwei von drei befragten aus, eine schnelle und effiziente Reaktion auf Störungen sei für sie eine große oder sehr große Herausforderung. Das Gleiche gilt für die schnelle Anpassung der Netzwerkumgebung an neue Business-Projekte oder -Applikationen.

Mit diesen Herausforderungen sehen sich die Unternehmen in Sachen Connectivity konfrontiert.


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Geht es darum, wie die Connectivity verbessert werden kann, sind die wichtigsten Investitionsbereiche aktuell 5G (32 Prozent), Cloud/Multi-Cloud (29 Prozent) und Big Data/Analytics/AI/ML (29 Prozent), dicht gefolgt von SDN-Technologien und Network Security. Insbesondere das Thema 5G ist im Vergleich zu den letzten Jahren aufgrund der erreichten Marktreife deutlich wichtiger geworden und hat Big Data/Analytics/AI/ML von der Spitze verdrängt. Relevant ist auch das Thema Software-defined Networking (SDN): Bereits 65 Prozent halten SDN für eine kritische Netzwerktechnologie und genauso viele gehen davon aus, dass SDN schon in fünf Jahren der De-facto-Standard für Netzwerkumgebungen sein wird.

Ein detaillierter Blick in die Wireless- und Edge-Pläne der Unternehmen zeigt, dass “Wireless First” stärker priorisiert wird als “Edge First”. Für die Wireless-Vernetzung wollen aktuell 25 Prozent primär ein hybrides Wireless-Netz aus 5G und WiFi-6 aufbauen, 41 Prozent fokussieren sich auf 5G (öffentlich und privat) und 14 Prozent auf WiFi-6. Insgesamt also eine klare Tendenz zu 5G. Folglich sollen nach momentanem Stand viele Use Cases wie Internet of Things, Smart Buildings, Edge Computing oder Mobilitätsdienste mehrheitlich mit 5G oder hybriden Architekturen umgesetzt werden.

Die sich verändernden IT-Umgebungen und insbesondere das Verschwinden eines klaren Perimeters erfordern wesentliche Maßnahmen im Zusammenhang mit der Netzwerksicherheit. Aus Perspektive von IDC ist es deshalb erfreulich, dass moderne Security-Ansätze wie ZTNA, SASE und SDP schon von elf Prozent der Organisationen umgesetzt wurden. 38 Prozent seien gegenwärtig damit befasst und 26 Prozent planten die Umsetzung innerhalb der kommenden zwölf Monate. Das entspricht in Summe einer großen Mehrheit von 75 Prozent. Beim SASE-Konzept werden viele Fähigkeiten als relevant erachtet, insbesondere die Netzwerktransparenz sowie die Sicherheitsfeatures zur Absicherung des User Traffics in Richtung Cloud.

https://www.computerwoche.de/a/deutsche-unternehmen-im-offline,3553889

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